Zur Metamorphose der Engel

Neben fliegenden Engeln mit dem Fingerzeig nach oben ins göttliche Himmelreich gibt es in der Kunst auch jede Menge erdverbundener, molliger nackter Knaben mit lockigem Blondhaar. In der anstehenden Vorweihnachtszeit wird man ihnen wieder begegnen, wenn auch eher geschlechtlich neutralisiert, wie es die gegenwärtige Moral verlangt. Handelt es sich bei den Engeldarstellungen aber nun um Symbole oder Wunschvorstellungen oder gar die künstlerische Wiedergabe wahrgenommener Erscheinungen? So einfach ist eine Antwort nicht zu haben, denn wenn man die Sache genauer betrachtet, haben sich Engel über die Jahrhunderte mehrfach verwandelt. Andere Zeiten, andere Engel. Ein Gang durch die Museen zeigt dies. Nun könnte man fragen, was das alles überhaupt soll? Hat man jemals einen Engel eingefangen, angefasst oder haben irgendwelche etablierten Wissenschaften ihn in den Blick genommen? Wohl eher nicht. Aber Vorsicht, auch Begriffe wie Energie, Leidenschaft oder Intelligenz bezeichnen nichts Anfassbares. Gleichwohl benutzen wir sie wie selbstverständlich. Warum soll es dann nicht auch Engel geben?

Karl Ove Knausgård hat sich in dem Roman Alles hat seine Zeit mit der Geschichte der Engel befasst und fiktiv beschrieben, wie diese über Jahrtausende wahrgenommen wurden. Mit Wirkung für das Handeln in alttestamentarischer Zeit von der Vertreibung aus dem Paradies und der Sintflut bis ins Mittelalter und die frühe Neuzeit, als man sie auch dann noch als Realitäten ansah. So wie man den Teufel für existent hielt. Knausgårds Roman endet in der Gegenwart und einem Mann an der norwegischen Küste, der sich mit einer persönlichen Schuld auseinandersetzt.

Die Wissenschaften hatten die Flügelwesen seit der Renaissance und vor allem nach der Aufklärung zwar nach und nach ins Feld der Mythen verwiesen und für das Alltagserleben eher bedeutungslos gemacht. Gleichwohl vermittelt Knausgårds Roman die Vorstellung, dass ihnen weiterhin eine archetypische Funktion zukommen könnte. Als Idee, als Konstrukt zur Bewältigung des Seins und im Übrigen gänzlich unabhängig von empirisch belegbaren Tatsachen. Seine literarisch aufgebaute Geschichte hat nicht den Anspruch, kunst-, kultur- und anderen wissenschaftlichen Standards zu genügen. Sie ist Fiktion, erinnert jedoch daran, dass auch diese Standards zeitgebunden sind. Wie vieles in der Geschichte der Wissenschaften. Dass die Erde eine Scheibe ist, galt lange als gesicherte Erkenntnis. Heute wird das niemand mehr behaupten. Aber ob sie als Teil des Großen und Ganzen aus religiöser, euklidischer oder relativitätstheoretischer Sicht betrachtet und interpretiert wird, macht Unterschiede. Und nichts spricht aufgrund der bisherigen Geschichte dafür, dass Einsteins Theorie den Endpunkt wissenschaftlicher Theorieentwicklung markiert. Kurz, die Existenz von Engeln war in alten Zeiten eine Gewissheit, die es heute nicht arrogant zu belächeln gilt.

Knausgård befasst sich im Verlauf des Romans mit Engeln, die sich im 17. Jahrhundert in Scharen auf Gemälden fanden. Sie kamen in Gestalt feister Kleinkinder einher. Für solche Babyengel hatte es weder im Alten noch im Neuen Testament irgendwelche Belege gegeben. Knausgård fragt deshalb Warum tauchten sie in solcher Zahl auf? Es muss mit der Zeit zu tun gehabt haben.

In der Philosophie begann man damals vorsichtig die Frage zu erörtern, ob es überhaupt einen Gott gebe und wie er gegebenenfalls beschaffen sei. Auch für Engel wurde es da problematisch. Da blieb der Weg in die menschliche Gestalt. Das unschuldige Kind fand eher Akzeptanz als die furchteinflößenden, kriegerischen Engel des Mittelalters, die auch grausam sein konnten. Unbedingte Ehrfurcht war vom Publikum seit der Renaissance aber nicht mehr zu erwarten. Die feisten und nackten Kinder mit Flügeln erweckten als Projektion jedoch Hoffnungen auf Glückseligkeit. Die kleinen, drallen Kindergestalten raufen miteinander, dass die Federn fliegen, sie liegen mit Traubenrispen in den Händen hingeworfen im Gras und schlagen sich den Bauch voll, während ihnen der Saft das Kinn hinabläuft, sie starren einander mit lüsternen oder hasserfüllten Blicken an, so unverhohlen, wie nur Kinder oder Tiere dies tun. Aber damit verloren die Engel, so Knausgård, ihre ursprüngliche Kraft. Nun waren sie harmlose Allerweltsgeschöpfe mit Trieben wie alle anderen.

Verlassen wir Knausgårds Roman und blicken zeitgeschichtlich zurück. In den ältesten christlichen Malereien wurden Engel noch als junge Männer in weißen römischen Tuniken dargestellt, ohne Flügel oder Heiligenschein. Und im Mittelalter wurden sie als geistige Wesen verstanden. Sie dienten als notfalls auch gewalttätige Thronwächter Gottes oder als christliche Botschafter. Ihre Roben glich man den Gewändern von Priestern an. In der Renaissance gab man mit der Wiederentdeckung antiker Ideale dem Engel dann wieder eine individuelle Anatomie und Gesichtszüge. Künstler wie Donatello und Raffael holten ihn als antiken Liebesgott in Gestalt eines nackten, kindlichen Putto in die sakrale Kunst zurück. Andere Engel bewegten sich in realistischen Landschaften und den neu entdeckten perspektivischen Architekturräumen.

Insbesondere die Reformation war bedeutsam für die Darstellung von Engeln und deren Funktion. Der Wandel vollzog sich in den protestantischen Gebieten, löste als Gegenreaktion im katholischen Barock aber auch eine neue Zeit der Engelverehrung aus. Bei Luther wurden sie zu didaktischen Boten. Eine dogmatische Heiligen- und Engelverehrung lehnte er ab. Diese blieb zwar im Glauben verankert, die Rolle von Engeln änderte sich jedoch. In lutherischen Altären jener Zeit wurden Engel zu visuellen Erklärern der reformatorischen Theologie. Die protestantische Kritik führte auf katholischer Seite zu einer Gegenbewegung. Diese bekräftigte die Bedeutung der Heiligen- und Engelverehrung.

Die Darstellungen bei Lucas Cranach dem Älteren und Gian Lorenzo Bernini markieren den Unterschied zwischen der protestantischen Reformation und der katholischen Gegenbewegung. Während Cranach Engel als Botschafter im Dienst des Gotteswortes einsetzte, schuf Bernini sinnlich erfahrbare Himmelswesen als Verkünder mystischer Offenbarungen. In der protestantischen Kunst der Reformation verlor der Engel damit seine Eigenständigkeit als Kult- und Andachtsobjekt. Er diente nun als Zeuge oder Hinweisgeber bezüglich des biblischen Textes und ordnete sich der religiösen Pädagogik unter. Bernini wollte hingegen die emotionale Präsenz des Göttlichen im Raum direkt erfahrbar machen. Seine Engel waren physisch greifbar und voller Leidenschaft. Sie waren keine Boten, sondern griffen direkt in die Szene ein. Bildwörtlich durchbohrten sie zum Beispiel Herzen. Der Kontrast spiegelt die konfessionellen Differenzen der Epoche wider. Cranach reduzierte die Darstellung des Engels auf eine erläuternde Rolle hinsichtlich der Bibel, während Bernini ihn mit attraktiver Körperlichkeit auflud, um den Betrachter emotional an die römische Kirche zu binden.

Im 19. und 20. Jahrhundert vollzog sich in der Engeldarstellung dann eine der Aufklärung geschuldete Veränderung. Der Engel löste sich von kirchlichen Dogmen und wandelte sich von einer Himmelsgestalt zu einem Symbol für Seelenzustände, historische Katastrophen und existenzielle Fragen. In der Mitte des 19. Jahrhunderts griffen die Präraffaeliten auf die Ästhetik des späten Mittelalters und der Frührenaissance zurück. Ihre Engel sind schlank, ätherisch und androgyn. Und der Symbolismus nutzte sie für die Darstellung des Unbewussten oder der Traumwelt. Schließlich nahm man dem Engel seine klassische Perfektion. Er wurde menschlich-tragisch. Paul Klee schuf über 80 Engelbilder. Sein Angelus Novus aus dem Jahr 1920 steht nach dem Ersten Weltkrieg in der Interpretation Walter Benjamins mit aufgerissenen Augen und Flügeln im Sturm und blickt auf die Trümmer. Auch Chagalls Engel schweben in leuchtenden Farben über Katastrophen und verkörpern die Hoffnung auf Schutz in einer bedrohten Welt. Und nach 1945 erschienen Engel als düstere Metapher zwischen Mythos und historischer Schuld, etwa bei Anselm Kiefer. In Wim Wenders Film Der Himmel über Berlinaus dem Jahr 1987 spielte Bruno Ganz dann schließlich einen für die Menschen unsichtbaren Engel, der nicht müde wurde, diese verstehen zu wollen. Mit der physischen Welt konnte er jedoch nicht wirklich kommunizieren.

Der oben erwähnte Roman Alles hat seine Zeit von Karl Ove Knausgård ist in der deutschen Übersetzung im Verlag btb erschienen.

 

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Fotografie zwischen Magie und Banalität