Amerika - Quo vadis?

Nahezu täglich werden wir mit verstörenden Bildern konfrontiert, die Fragen zum Zustand der gesellschaftlichen und politischen Kultur der Vereinigten Staaten aufwerfen. Ob es sich noch um ein vereintes Land handelt, wird zunehmend skeptisch beurteilt. Wir sehen Bilder mit maskierten ICE-Agenten, die Jagd auf Immigranten machen, sowie Menschen, die sich ihnen entgegenstellen und zu Tode gebracht werden. Die Aktionen werden von einer Staatsmacht geschützt, die aggressive Polarisierungen zum politischen Konzept gemacht hat. Solche Entwicklungen waren vor einiger Zeit noch kaum vorstellbar. Von einem befriedeten Land konnte aber schon früher nicht die Rede sein. Die Ausstellung American Cycles mit Bildern des Fotografen Philip Montgomery im temporären PHOXXI der Hamburger Deichtorhallen macht dies deutlich.

Philip Montgomery, geboren 1988 in Kalifornien, studierte Fotojournalismus am International Center of Photography. Er arbeitet für renommierte Publikationen wie The New York Times Magazine, The New Yorker, Vanity Fair und das ZEIT-Magazin. Sein fotografisches Werk wurde mehrfach mit Auszeichnungen gewürdigt. Bekannt wurde er durch den Bildband American Mirror aus dem Jahr 2021, der Fotos aus der Zeit der Corona-Pandemie enthält, und Aufnahmen der Black-Lives-Matter-Proteste. Montgomery lebt in New York. In einem Interview beschrieb er seinen fotografischen Stil als Mischung aus künstlerischem und dokumentarischem Ansatz.

Montgomerys Fotografien zeichnen sich durch eine intensive Präsenz aus. Sie folgen keinem ästhetisierenden Stil, der gefallen möchte, sondern sind seismographisch auf die Brüche der amerikanischen Gesellschaft im 21. Jahrhundert ausgerichtet. Ihre Themen sind strukturelle Ungerechtigkeiten, politische Polarisierungen, rassistisch getriggerte Gewalt, Verwerfungen des Kapitalismus und eine tiefsitzende Skepsis, die sich in Protesten, Gerichtssälen, auf Straßen und in den Gesichtern der Menschen äußert. Anders als andere Straßenfotografen sucht Montgomery dabei nicht das Auffällige im Alltäglichen, sondern den Augenblick im Überhitzten. Oft arbeitet er mit direktem Blitz, der seine Sujets ins harte Licht rückt. Dies erzeugt keine klassische, plastische Modellierung, sondern eine Flächigkeit und Schärfe, die jedes Detail kraftvoll auflädt. Viele der Kompositionen entstehen aus starken Nahsichten oder ungewöhnlichen Perspektiven.

Verschiedene Traditionslinien sind erkennbar, etwa zu Gary Winogrand. Wie dieser fängt auch Montgomery das Soziale mit einem Gespür für ausdrucksstarke Gesten und zwischenmenschliche Beziehungen ein. Doch während Winogrands Amerika von überwiegend latenten Spannungen und Zufälligkeiten geprägt war, dokumentiert Montgomery die Konfrontationslinien des Landes expliziter. Das Indirekte Winogrands weicht bei Montgomery einer unmittelbaren Intensität.

Eine weitere Traditionslinie ist die der klassischen Sozialdokumentation, die in den 1930er und 40er Jahren von Walker Evans oder Dorothea Lange begründet wurde. Deren Bilder aus der Depressionszeit ähneln mitunter Montgomerys Fotografien, übertragen in die Gegenwart. Ein wesentlicher Unterschied zeigt sich jedoch hinsichtlich der Objektivität. Evans und Lange arbeiteten im Auftrag eines staatlichen Programms, und ihre Fotografien, obwohl empathisch, zielten darauf ab, Armut systematisch zu erfassen und zu ordnen. Montgomery hingegen arbeitet als unabhängiger Beobachter, der Stellung bezieht. Dies ergibt einen dekonstruierenden Realismus, der sich von der klassischen Dokumentarfotografie abhebt.

Montgomery teilt mit Robert Frank die Überzeugung, dass Dokumentarfotografie nicht um Neutralität bemüht sein muss, sondern eine kritische Haltung zum Geschehen einnehmen kann. So vermitteln die Bilder ein Gefühl der Desillusionierung und der Distanz zum American Dream. Dies erinnert auch an Weegee, den Chronisten des New Yorker Nachtlebens und der Kriminalfälle. Die grelle Präsenz von Blitzlichtaufnahmen, die Nähe zum Geschehen und der Sinn für das Tragische verbinden beide. Im Gegensatz zu Weegee, der die Dinge oft sensationsorientiert und mit einem Hauch von Zynismus präsentierte, zeichnet sich Montgomerys Arbeitsweise jedoch durch Ernsthaftigkeit, politische Reflektion und spürbare Empathie aus.

Philip Montgomery übersetzt die Traditionen der Dokumentarfotografie in eine Bildsprache, die den heutigen Bedingungen der Aufmerksamkeitsökonomie und des Medienkonsums gerecht wird. In einer Zeit, in der Amateurbilder von Gewalt und Katastrophen nahezu in Echtzeit um die Welt gehen, muss sich die professionelle Dokumentarfotografie neu erfinden, um überhaupt wahrgenommen zu werden. Montgomerys Ästhetik der Überwältigung durch harten Blitz, Nähe und kompositorische Instabilität ist eine Antwort auf die Reizüberflutung. Sie macht seine Fotografien widerstandsfähig gegen das Beliebige des digitalen Bildflusses und verleiht ihnen eine unmittelbare Evidenz. Obwohl die Fotografien in der Tradition des Dokumentarischen stehen, brechen sie mit dem Anspruch des nüchtern Sachlichen. Die subjektive Handschrift ist stets erkennbar. Montgomery dokumentiert nicht nur, sondern schafft visuelle Allegorien für den Zustand einer Nation. Die Fotografien wirken wie Fragmente eines Puzzles, das sich nicht zu einem zusammenhängenden Bild fügen will.

Im PHOXXI werden ausgewählte Schwarzweißfotografien Montgomerys in fünf thematischen Abteilungen präsentiert. Der erste Abschnitt, Fragmente der Gegenwart, zeigt Fotografien mit vordergründig unterschiedlichen Themen. Dazu gehören Bilder aus der Gewerkschaftsbewegung, der Covid-Pandemie, von Demonstrationen gegen Polizeigewalt, einer rechtsextremen Milizversammlung, von der Drogenentzugsstation eines Gefängnisses, alltäglicher Armut, Zwangsräumungen, den Folgen eines Hurrikans und der ersten Wahl Donald Trumps zum Präsidenten. Der zweite Abschnitt, Risse und Allianzen, befasst sich mit den Unterstützern und der Wahl von Trump, der radikalisierten Abschiebungspraxis, Demonstrationen gegen die ICE-Behörde, den Reaktionen auf die Ermordung von George Floyd, der hispanischen Community im Süden und dem allgegenwärtigen Drogenproblem. Der Abschnitt Kontrollräume präsentiert Porträts von Donald Trump, JD Vance, Hunter Biden, Robert F. Kennedy und Tucker Carlson. Daneben enthält er Aufnahmen aus der CNN-Zentrale, einem Auszählungsraum für Briefwahlstimmen und dem Supreme Court. Die vierte Ausstellungsabteilung, Nervöse Systeme, befasst sich erneut mit dem Suchtthema und zeigt die katastrophalen Folgen von Hurrikans und Waldbrände sowie den wirtschaftlichen Niedergang Detroits. Der abschließende fünfte Abschnitt, American Mirror, präsentiert ausschließlich Porträts. Neben den bereits in den vorangegangenen Themenblöcken Gezeigten versammeln sich hier unter anderem Barack Obama, Robert De Niro, Al Pacino, Willie Nelson, Stephen King, Laurie Anderson, Philip Roth, Nancy Pelosi, Joe Biden und Lady Gaga.

Einblicke in das Werk Montgomerys bieten die Website philipmontgomery.com sowie die Sites Deutsche Börse Photography Foundation und Deichtorhallen Hamburg. Empfehlenswert sind auch die Podcasts Shorty: Philip Montgomery – American Cycles sowie das hörenswerte Interview „I´m challenging America´s greatness“ – Philip Montgomery.

Die Ausstellung ist noch bis zum 10. Mai 2026 im temporären PHOXXI der Deichtorhallen Hamburg zu sehen. Ein Besuch ist höchst empfehlenswert! Begleitend wird ein kostenloses Booklet mit Informationen zu den gezeigten Fotografien angeboten.

 

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