Bau Dir eine Welt, wie sie Dir gefällt!
Kurz nach der morgendlichen Eröffnung des Hamburger Bahnhofs – Nationalgalerie der Gegenwart haben Ordner einige der Bauwerke vom Vortag zerstört. Zahlreiche der vierhunderttausend Klötze wurden umgeworfen und damit zum Material für Neues. Das Ganze wird eine große Spielwiese, nicht zuletzt für Kinder. Kunst, die zum Mitmachen einlädt. Während später Erwachsene eher andachtsvoll durch das Wirrwarr streifen und Obacht geben, sich nicht beim Abrutschen von einem der Klötze den Fuß zu verknacksen, legen viele der Jüngeren spontan los und schaffen neue Wirklichkeiten bis hin zu gewagten Hochkonstruktionen. Die Ordner haben bei Alledem einen aufmerksamen Blick, bleiben aber gelassen.
Im Grunde handelt es sich um eine Mischung aus Skulptur und Performance, die hier im Hamburger Bahnhof mit dem Titel We Make Years Out of Hours von der litauischen Künstlerin Lina Lapelytė inszeniert wird. Alles ist in Bewegung. Begleitet wird das Ganze von Klängen und Gesungenem. Texte von Dichterinnen und Dichter über Gemeinschaft, Liebe, Verlust und Hoffnung bilden das Libretto, denn Lapelytė ist auch Komponistin, deren Werke vielfach preisgekrönt wurden. 2019 erhielt sie für eines ihrer Werke den Goldenen Löwen der Biennale von Venedig. Im Vordergrund des Erlebens im Hamburger Bahnhof steht jedoch der Umgang mit den Klötzen aus Fichten- und Kiefernholz. Sie werden durch die Besucher zu Skulpturen geordnet und von anderen wieder dekonstruiert. Für jede neue Form muss eine alte weichen.
Dem Besucher bieten sich einige Assoziationen an. So mag man sich an die Metapher vom Teil und vom Ganzen erinnert fühlen, an die Vergänglichkeit allen Seins oder auch an Pixelquadrate, dreidimensional erweitert und aus der digitalen Flächenordnung gebracht. Aber wozu viele Worte verlieren? Lieber Hingehen und sich das Spektakel ansehen. Und sich an der permanenten Umgestaltung beteiligen.
Das Werk We Make Years Out of Hours von Lina Lapelytė im Hamburger Bahnhof – Nationalgalerie der Gegenwart in Berlin ist noch bis zum 10. Januar 2027 zu erleben. Begleitend erschien die 19. Ausgabe der Katalogreihe des Hamburger Bahnhofs mit Erläuterungen zur Ausstellung, erhältlich für freundliche 12 Euro.