Eine zweite Wirklichkeit
Mit Realität+. Virtuelle Welten und die Probleme der Philosophie hat der australische Philosoph David J. Chalmers ein Buch vorgelegt, das den Leser auf eine gedankliche Expedition zu einigen Fragen der Philosophie mitnimmt und dabei die Technologie virtueller Realitäten als Kompass nutzt. Gegenwärtig scheint vieles davon noch phantastische Spekulation zu sein, aber die möglich erscheinenden Entwicklungen legen es nahe, sich schon heute mit einer umfassenden virtuellen Zukunft zu befassen. VR-Brillen sind da nur der Anfang. Künftige Technologien bis hin zu direkten Mensch-Maschine-Verbindungen werden ein immersives Eintauchen in Welten ermöglichen, die wir uns gegenwärtig noch kaum vorstellen können. Und parallel zur rasant fortschreitenden Erweiterung der Rechnerkapazitäten und dem Einsatz von Quantencomputern wird die vollständige Simulation einer zweiten Wirklichkeit zur realistischen Option. Matrix, die Truman Show und Second Life haben Aspekte solcher Visionen vorweggenommen.
Chalmers nennt das Ganze Technophilosophie. Zum einen stellt sie Fragen hinsichtlich künftiger Technologien, zum anderen werden diese genutzt, um klassische philosophische Probleme zu beleuchten. Dabei steht der Grundgedanke im Raum, dass virtuelle Realitäten eines Tages unseren Alltag praktisch bestimmen werden. Aber vielleicht leben wir ja längst, so Chalmers, in einer solchen virtuellen Realität, ohne es zu wissen. Philosophisch betrachtet, erweist sich dies keinesfalls als unsinnig.
Chalmers eröffnet die Abhandlung mit einer Einbettung der Thematik in die Philosophiegeschichte. Er zeigt, dass Fragen nach der Realität dessen, was wir erleben, nicht neu sind und sich durch die Denktraditionen verschiedener Kulturen ziehen. Der taoistische Philosoph Zhuangzi träumte, ein Schmetterling zu sein, und wusste nach dem Erwachen nicht, ob er ein Mensch war, der träumt, ein Schmetterling zu sein, oder ein Schmetterling, der träumt, ein Mensch zu sein. Diese Anekdote illustriert die grundlegende Verunsicherung über die Unterscheidung zwischen Traum und Wirklichkeit. In der indischen Mythologie wird der Weise Narada von Vishnu in eine Illusion versetzt, in der er ein völlig anderes Leben führt, auch dieses mit Familie, Sorgen und Freuden. Erst nach Jahren wird er aus der Illusion befreit und erkennt, dass sein vermeintlich reales Leben nur ein Trugbild war. Die Gefangenen in Platons Höhle schließlich halten die Schatten an der Wand für die Realität, bis sich einer von ihnen aufmacht und die wahre Welt außerhalb der Höhle erblickt. Die Parallelen der drei Geschichten zur virtuellen Realität heutiger und vor allem künftiger Technologien liegen auf der Hand. Auch wir könnten bereits in einer Scheinwelt leben, ohne es zu wissen.
Chalmers destilliert aus den Beispielen drei zentralen Fragen. Können wir wissen, ob wir uns in einer virtuellen Welt befinden oder nicht? Sind virtuelle Welten real oder bloße Illusionen? Kann man in einer virtuellen Welt ein gutes Leben führen? Diese Themen bilden das argumentative Rückgrat des Buches und werden systematisch untersucht.
Zunächst führt Chalmers in die Simulationshypothese ein, die Annahme, dass unsere gesamte erfahrbare Wirklichkeit eine Computersimulation ist, erzeugt von einer technologisch fortgeschrittenen Zivilisation, die uns beherrscht, ohne dass wir dies wissen. Die Hypothese ist keine bloße Science-Fiction-Spielerei, sondern eine ernstzunehmende philosophische Position. Technisch wird die Simulation, so Chalmers, in einigen Jahrzehnten jedenfalls auch unserer Zivilisation möglich sein. Die Verarbeitungskapazität der IT-Systeme wird eine komplette Simulation der uns vertrauten Realität erlauben. Andere Zivilisationen im Universum sind dazu vielleicht bereits heute in der Lage.
Chalmers diskutiert, ob die Simulationshypothese eine wissenschaftliche Aussage, also prinzipiell falsifizierbar, ist und kommt zu dem Schluss, dass sie zumindest philosophisch relevant ist, selbst wenn sie empirisch schwer zu überprüfen sein mag. Schon hier kündigt sich eine zentrale Pointe an. Selbst wenn wir uns längst in einer Simulation befinden, bedeutet das nicht, dass alles um uns herum eine Illusion ist. Chalmers zeigt, dass simulierte Objekte durchaus real sind, nur eben in einer anderen ontologischen Verfassung. Sie bestehen nicht aus Materie, sondern aus einer Struktur von Bits und Bytes.
Können wir überhaupt etwas über die Außenwelt wissen? - Eine der Grundfragen der Philosophie. Chalmers zeichnet diesbezüglich einige klassische Szenarien nach wie etwa die Täuschung durch unsere Sinne, die Unterscheidbarkeit von Traum und Wachen und vor allem den Ansatz von René Descartes. Dessen Gedankenexperiment geht von der Möglichkeit aus, dass uns ein allmächtiger Dämon systematisch über alles täuscht, über die Existenz der Außenwelt, über mathematische Wahrheiten, ja sogar über unser eigenes Denken. Chalmers aktualisiert dieses Szenario. Der Dämon wird nun durch einen Computer ersetzt, der eine perfekte Simulationswelt erzeugt. Diese Hypothese wäre eine zeitgemäße Fortsetzung des cartesianischen Skeptizismus.
Ein zwingender Beweis für das Vorhandensein einer Außenwelt ist gleichwohl nicht möglich. Dennoch ist dies kein Grund zur Verzweiflung. Chalmers argumentiert, dass es auch ohne absoluten Beweis gerechtfertigt ist, von der Existenz einer Außenwelt auszugehen. Der radikale Skeptizismus bis hin zum Solipsismus mag zwar theoretisch weder beweisbar noch widerlegbar sein, praktisch ist er irrelevant. Chalders scheint hier dem pragmatischen Ansatz Richard Rortys zu folgen, nach welchem philosophische Fragen, die grundsätzlich nicht zu beantworten sind, verworfen werden und Antworten weichen sollten, die für das praktische Zusammenleben relevant sind.
Zentral für das Buch und eine der meistdiskutierten Thesen ist die Frage nach der Wahrscheinlichkeit, dass wir uns bereits heute in einer Simulation befinden? Chalmers beziffert die Wahrscheinlichkeit auf mindestens 25 Prozent. Wenn es keine grundsätzlichen, technischen Hindernisse für die Erschaffung perfekter Simulationen gibt, und solche Begrenzungen sieht Chalmers nicht, dann muss davon ausgegangen werden, dass technologisch fortgeschrittene Zivilisationen des Universums solche Simulationen längst erschaffen haben. In einem räumlich und zeitlich unendlichen Universum muss allein aufgrund von Wahrscheinlichkeitsüberlegungen die Zahl von Simulationen die Zahl von Nicht-Simulationen übersteigen.
In einem der originellsten Kapitel des Buches verknüpft Chalmers die Simulationshypothese mit der Theologie. Wenn wir in einer Simulation leben, muss es jemanden geben, der diese Simulation erschaffen hat und sie kontrolliert, einen Programmierer oder einen Hacker in der nächsthöheren Realitätsebene. Die Argumentation weist gewisse Parallelen zum Gottesbegriff auf. Er, der Hacker oder die Hackerin, wäre Schöpfer einer Welt, allmächtig und allwissend, und kann in sie eingreifen. Dieses Szenario ist von Chalmers nicht als ernsthafte theologische Position gedacht, sondern als Gedankenexperiment, das die Strukturähnlichkeit zwischen religiösen und technologischen Weltdeutungen vor dem Hintergrund virtueller Realitäten aufzeigt. Wenn seine Überlegungen plausibel sind, dann verschwimmt die Grenze zwischen physischer und virtueller Realität. Beide wären informationelle Strukturen, nur auf unterschiedlichen Ebenen. Ein simulierter Tisch ist nicht weniger real als ein physischer Tisch, beide sind kognitiv wahrgenommene Muster von Informationen, entweder auf der Basis einer Struktur von Bits und Bytes oder von Materie.
Virtuelle Realität ist lediglich eine andere Art von Wirklichkeit. Auch in einem solchen Raum können wir handeln, Beziehungen eingehen, Erfahrungen machen, selbst wenn dies auf digitaler Grundlage geschieht. Und die Technologie wird voranschreiten. Augmented-Reality-Brillen oder AR-Kontaktlinsen werden in absehbarer Zeit die bildschirmbasierte Computerinteraktion ersetzen. Dies ist heute schon absehbar. Die philosophische Herausforderung liegt in der Vermischung von realen und virtuellen Objekten. Wenn ich durch eine AR-Brille einen digitalen Pfeil sehe, der mir den Weg weist, ist dieser Pfeil dann real? Chalmers‘ Antwort ist eindeutig. Der Pfeil ist real und existiert lediglich in einer anderen ontologischen Kategorie als der physische Bürgersteig, auf den er projiziert wird.
Können wir verhindern, von Deepfakes getäuscht zu werden? - Ein schon heute virulentes Problem. Chalmers diskutiert, wenn auch nur am Rande, mögliche Gegenmaßnahmen. Dies können technische Lösungen wie digitale Wasserzeichen und Erkennungsalgorithmen sein, aber auch soziale und rechtliche Regulierungen. Er warnt jedoch davor, aus der Möglichkeit von Deepfakes einen generellen Skeptizismus gegenüber digitalen Medien abzuleiten. Deren technische Möglichkeiten werden im Übrigen nicht mehr einzufangen sein.
Können rein digitale Wesen, etwa KI-gesteuerte Avatare oder simulierte Personen, Bewusstsein haben? Chalmers geht davon aus, dass Bewusstsein nicht notwendig an biologische Substrate gebunden ist. Wenn es sich um eine Frage der funktionalen Organisation handelt, wenn also ein informationsverarbeitendes System unabhängig von seinem materiellen Substrat ausreichend komplex ist, dann können auch digitale Wesen Bewusstsein haben. Wenn es eines Tages möglich sein sollte, die menschliche Kognitionsstruktur des Gehirns eins zu eins digital zu spiegeln, Chalmers hält dies für vorstellbar, dann sind solche Fragen unmittelbar relevant. Interfaces zwischen Mensch und Maschine werden dafür die technische Voraussetzung schaffen.
Kann man auch in einer virtuellen Welt ein sinnvolles, erfülltes Leben führen? Chalmers argumentiert, dass Kriterien für ein gutes Leben wie etwa Glück, Sinn, Beziehungen, Selbstverwirklichung in virtuellen Welten genauso erfüllt werden können wie in der physischen Welt. Wenn die Erfahrungen subjektiv vergleichbar sind, wenn die Beziehungen ebenso authentisch und die Herausforderungen und Erfolge ebenso real sind, warum sollte ein virtuelles Leben dann weniger wert sein? Damit im Zusammenhang stellen sich politische und soziale Fragen. Wenn immer mehr Menschen einen bedeutenden Teil ihres Lebens in virtuellen Welten verbringen, wie sollen diese Welten organisiert sein? Dies erfordert eine Auseinandersetzung mit Fragen der Governance. Wer legt die Regeln in virtuellen Welten fest? Welche Rechte haben deren Bewohner? Wie kann ein Machtmissbrauch durch die Plattformbetreiber verhindert werden?
Virtuelle Realität ist echte Realität, nicht weniger real, nicht zweitklassig, sondern vollwertig, so Chalmers. Objekte in Simulationen sind wirklich, weil sie existieren, Wirkung haben, Emotionen auslösen und Handlungen beeinflussen. Darüber hinaus sind sie geistunabhängig, da der Code auch läuft, wenn niemand hinsieht. Sie sind keine geträumten Illusionen. Dass die virtuellen Objekte aus Bits und Bytes statt aus Holz, Metall oder anderen Materialien bestehen, ist kein Einwand. Die zugrundeliegende Substanz ist irrelevant. Entscheidend sind die strukturellen sowie kausalen Eigenschaften und deren Wirkungen auf unser Gehirn. Die Simulation ist einfach eine andere Art von Realität. Wir können nicht ausschließen, dass wir uns längst in einer solchen befinden. Um diese Überlegung Chalmers zu verstehen, muss man das Buch lesen. Was hiermit als spannendes Gedankenexperiment empfohlen wird.
Realität+ ist ein ungewöhnliches Buch. Gleichwohl bleiben Schwächen und offene Fragen. So wurde von Kritikern angemerkt, dass es die sozialen und ökologischen Nebenfolgen digitaler Welten zu wenig thematisiert. Fragen nach Energieverbrauch, Überwachung und Machtkonzentration bleiben unterbelichtet. Chalmers, auch dies ein Kritikpunkt, behandelt die technologische Entwicklung als gegebenen Fakt und nicht als gestaltbare menschliche Entscheidung. Die Möglichkeit, dass wir uns gegen bestimmte Technologien wehren könnten oder sollten, wird kaum diskutiert. Dennoch ist Realität+ mehr als nur ein Buch über virtuelle Realitäten. Es ist eine philosophische Erkundung der Frage, was es bedeutet, in einer zunehmend digitalisierten Welt zu leben. Die zentrale Botschaft bleibt ebenso einfach wie provokant. Virtuelle Welten sind keine Welten zweiter Klasse. Sie sind real.
Ob man Chalmers‘ Sicht auf die virtuelle Zukunft teilt oder nicht, Realität+ ist ein Buch, das philosophische Fragen hinsichtlich Digitalisierung, KI und virtuelle Welten auf spannende Weise abhandelt und neue Perspektiven eröffnet. Der Blick durch die VR-Brille wird anschließend nicht mehr derselbe sein, vielleicht auch nicht der Blick auf die vermeintlich echte Welt um uns herum. Ob sie aus Materie oder aus Bits besteht, macht, so Chalmers, am Ende keinen Unterschied.
Das Buch Realität+. Virtuelle Welten und die Probleme der Philosophie von David J. Chalmers ist bei Suhrkamp erschienen.