Das belichtete Selbst
Das Smartphone ist nicht mehr bloß ein technisches Accessoire, sondern zum quasi-biologischen Sinnesorgan geworden. Wir nehmen die Welt über das kleine Gerät wahr und teilen sie mit eigenen Fotos. Der Akt des Fotografierens hat sich von der Dokumentation privater Momente zu einer Form der öffentlichen Existenzbehauptung gewandelt. Aber warum ist es so wichtig, dass das Draußen erfährt, wie wir das Drinnen, unsere subjektive Sicht, erleben? Eine Antwort führt in die Struktur der spätmodernen Gesellschaft, in der das fotografische Bild zur Währung von Anerkennung und Identität geworden ist. Die Sozialen Medien dienen als Treibmittel.
Wir stehen unter dem Imperativ, das Leben als ein einzigartiges Projekt zu gestalten. Ein normales Leben zu führen genügt nicht, es muss ein besonderes sein. Die Fotografie spielt hier eine Schlüsselrolle. Wir wählen Fragmente unseres Alltags aus, die wir für wertvoll halten, und präsentieren sie der Welt. Das Foto vom morgendlichen Avocado-Toast ist kein Zeugnis von Hunger, sondern ein Stillleben, das unseren Geschmack und Lebensstil markiert. Das Subjekt wird zum Kurator seiner selbst. Die Sozialen Medien fungieren als Galerie, in der wir die Ausstellung unseres einzigartigen Ichs eröffnen. Ein geteiltes Bild sagt Ich bin hier, ich mache gerade das, schau es Dir an. Es ist eine Form der synchronen Kommunikation. Wir sehen die Welt mit dem Social Media Eye. Ein Erlebnis, das nicht fotografiert und geteilt wird, droht wertlos zu bleiben.
Das alles lässt sich jedoch auch als Selbstermächtigung interpretieren. Insbesondere das Selfie wäre dann nicht nur ein Ausdruck von Selbstverliebtheit, sondern ein Werkzeug, um verschiedene Identitäten auszuprobieren. Das Bild als eine Maske, die wir uns aufsetzen, um in den sozialen Raum zu treten. Weniger Kunstwerk als Schmiermittel für soziale Beziehungen. So gesehen, ist die heutige Bilderflut auch eine Form der Teilhabe. Jeder kann seine eigene Sichtbarkeit produzieren, unabhängig von traditionellen Gatekeepern wie Galerien oder Verlagen.
Gleichwohl fällt auf, dass die Bilder in den Sozialen Medien meist reichlich gefällig sind. Digitale Fotografien, besonders die optimierten und gefilterte, dienen dem schnellen Like und dem unmittelbaren Konsum. Die Fotografie wird als Kulisse fürs Ego benutzt und gerät zur Bestätigungsschleife, die von einer Begegnung mit der Realität abschirmt. Durch den Siegeszug generativer KI hat sich die Thematik noch einmal verschärft. Die Frage Warum der Welt mitteilen, wie man sie sieht? bekommt eine neue Bedeutung. Was, wenn das Bild gar nicht mehr zeigen soll, wie wir die Welt sehen, sondern wie eine KI sie für uns träumen würde? Die Gestaltung des eigenen Lebens hat sich hier vom physischen Akt des Fotografierens zum sprachlichen Akt des Promptings verlagert. Wir erschaffen Bilder, die gefälliger sind als die Realität selbst, und kuratieren Identitäten mit Hilfe von Algorithmen, die Sehnsüchte nach Einzigartigkeit antizipieren.
Um zu verstehen, warum wir unser Leben fotografisch ausstellen, lässt sich die soziologische Linse von Andreas Reckwitz anlegen. Er diagnostiziert einen Epochenbruch, nämlich den Übergang von der industriellen Moderne, die auf Standardisierung und das allgemein Anerkannte setzte, zur Spätmoderne, die das Besondere feiert. Das fotografische Bild kann dabei als Medium dienen, da es die Logik der Singularität praktisch umsetzt. Es dient als visuelle Sprache, als Werkzeug der sozialen Positionierung und als Versuch, inmitten der digitalen Bilderflut eine Spur zu hinterlassen. Seine Funktion ist nicht mehr nur die Abbildung von Realität, sondern die Konstruktion von Identität und Resonanz. Wir zeigen der Welt, wie wir sie sehen, weil wir hoffen, dass die Welt uns im Gegenzug als einzigartiges Individuum (an)erkennt.
Das Buch Die Gesellschaft der Singularitäten von Andreas Reckwitz ist 2019 bei Suhrkamperschienen.