Irrweg Vollformat
In der Welt der digitalen Fotografie gilt das Vollformat als Nonplusultra. Von den Herstellern als Standard für echte Profis beworben, suggeriert das Marketing, dass man an ihm nicht vorbeikommt. Dabei orientiert sich das Sensorformat mit der Vorsilbe Voll am alten 35mm-Film für die Leica aus den 1920er Jahren und für alle nachfolgenden Kleinbildkameras. Trotz deren Erfolgsgeschichten stellt sich bei genauerem Hinsehen die Frage, ob wir es beim digitalen Vollformat nicht mit einer technologischen Sackgasse zu tun haben. Denn es schleppt einige große und schwergewichtige Nachteile mit sich. Ein längerfristiges Überleben erscheint zweifelhaft. Schlaue Füchse ahnen das.
Objektive für Vollformat-Kameras werden immer lichtstärker und damit noch wuchtiger. Und teurer, abgesehen von denen einiger Hersteller aus dem Reich der Mitte. Dabei ist in der täglichen Praxis die ins Extrem gesteigerte Lichtstärke für Kameras mit dem großen Sensor oft gar nicht so entscheidend. Gleichzeitig holt die Konkurrenz unterhalb des Vollformats auf. Die Sensoren von APS-C- und MFT-Systemen werden stetig besser. Der qualitative Vorsprung des Vollformats schrumpft so weit zusammen, dass er für das menschliche Auge nahezu bedeutungslos wird. Zusätzlich trägt die Option der KI-Rauschreduzierung dazu bei, den Nachteil kleinerer Sensoren bei schlechten Lichtverhältnissen zu minimieren. Nur Pixelpeeper haben hier noch Probleme. Selbst das Argument der geringeren Tiefenschärfe wankt. Durch Objektive mit Lichtstärken von f/1.2 oder f/1.4 für APS-C und MFT wird der in der Praxis genutzte Freistellungsvorteil des Vollformats faktisch kompensiert. Hier macht die hohe Lichtstärke wirklich Sinn. Kurz, für die allermeisten Anwendungen ist eine Kamera mit dem großen Sensor kaum mehr notwendig. Verbreitet hat sich diese Erkenntnis längst unter Wildlife-Fotografen, die bevorzugt mit MFT-Kameras arbeiten. Kaum jemand will hier noch Objektivbazookas fürs Vollformat mit sich herumschleppen. Diese mögen zwar als martialisches Gerät mit Camouflagedekor für ein männliches Image sorgen, fotografisch haben sie sich in der Praxis längst überlebt.
Warum halten Sony, Canon, Nikon und Co. dennoch so vehement am Vollformat fest? Es liegt der Verdacht nahe, dass die Industrie die aktuelle Prestigewelle reitet, um noch einmal maximalen Profit mit dem großen, schweren Glas zu generieren, bevor der Markt umschwenkt. Die Hersteller blicken jedoch strategisch in die Zukunft. Keiner von ihnen hat APS-C aufgegeben. Im Gegenteil, es ist eine kontinuierliche Weiterentwicklung des Formats zu verzeichnen und regelmäßig kommen neue Kameras dazu. Man hält sich die Tür offen für eine Zukunft, in der APS-C zum Standard auch im Profibereich avancieren könnte, ein Trend, den Dritthersteller von Objektiven durch ein breites Angebot stützen. Dies mag gegenwärtig noch nicht jeden Anhänger des Vollformates überzeugen. Aber wie alles, was mit digitaler Technologie zu tun hat, wird sich der Trend zum kleineren Gerät auch in der Fotografie durchsetzen.
Schwierig wird der Wandel für Traditionsmarken wie Leica. Das Image ist eng mit dem Vollformat und der Kompatibilität zum analogen System verknüpft. Noch folgt die konservative Kundschaft bereitwillig diesem Markenbild, doch die angesprochene Altersgruppe ist endlich. Die nächste Generation von Fotografen wird sich vermehrt fragen, warum sie eine schwere SL-Leica schleppen soll, wenn sich mit einem kleineren, leichteren System das gleiche Ergebnis erzielen lässt. Wer nicht um jeden Preis am alten System hängt, wird den Statuseffekt irgendwann gegen Effizienz abwägen. Und das M-System wird sowieso eine Nische bleiben und auf Dauer Anhänger im digitalen Segment nur dort finden, wo die Nutzung früherer, ohne Zweifel exzellenter Objektive aus der analogen 35mm-Welt und die Messsuchertechnik ausschlaggebend sind. Dabei wird allerdings gerne übersehen, dass analoge und digitale Objektive meist etwas anders gerechnet und konstruiert werden.
Am Ende wird sich bei den Nutzern, auch den Profis, die Bequemlichkeit durchsetzen. Klein und leicht siegt über groß und schwer. Dank immer leistungsfähigerer Sensoren, eine Entwicklung, die bei Smartphones längst zu sehen ist, und immer wirkungsvolleren Softwarekorrekturen werden die physikalischen Nachteile kleinerer Sensoren weggerundet. Vollformat wird ein Nischenprodukt für Spezialanwendungen sein (welche eigentlich?), während APS-C und MFT das Potenzial zum marktbeherrschenden Standard haben.
Man sollte bei alledem nicht erwarten, dass die Preise sinken. Die Hersteller werden auch bei kleineren Kameras und Objektiven sicherstellen, dass die Marge stimmt. Wir befinden uns da gegenwärtig in einer Zwischenphase. Der Standard Vollformat wird sich jedenfalls dem Ende zuneigen. Die Hersteller wissen das und pflegen bewusst die Modellreihen mit APS-C. Und wenn die MFT-Produzenten nicht die Nerven verlieren, haben auch sie eine Chance. Schließlich ist ihr Sensor noch ein wenig kleiner und genau da liegt die Zukunft der Kameratechnologie. Im Übrigen wird es schon in wenigen Jahren Fotoapparate mit dem noch kompakteren 1-Zoll-Sensor auf dem Leistungsniveau heutiger Kameras mit den größeren Sensoren geben. Darüber hinaus werden neue KI-Implementationen in den Kameras selbst und für die externe Nachbearbeitung dazu beitragen, dass niemand mehr dem schwergewichtigen Vollformat eine Träne nachweint.