Ein fiktiver Monolog

Hätte man Johann Wolfgang von Goethe nach der Möglichkeit befragt, das flüchtige Bild der Camera obscura dauerhaft einzufangen, hätte er vermutlich weder mit bloßem Erstaunen noch mit Ignoranz reagiert. Er war kein Fremder im Reich der Optik und Technik. Als Daguerre und Niépce wenige Jahre nach dem Tod des Dichters das fotografische Verfahren der Öffentlichkeit präsentierten, deutete sich ein Paradigmenwechsel der Bilderstellung an, den Goethe in seinen Grundzügen vielleicht sogar geahnt haben mochte. Doch wie hätte der Autor des Faust dann wirklich auf die Fotografie geblickt?

Um Goethes fiktives Urteil zu ergründen, hilft ein Blick auf seine Ästhetik, Naturphilosophie und Erkenntnistheorie. Diese zeigen keine Vorbehalte gegenüber dem technischen Wandel. Hinsichtlich der Fotografie wäre es gleichwohl eine vielschichtige, kulturkritische und phänomenologische Auseinandersetzung mit der Frage geworden, was es für den menschlichen Geist bedeutet, die visuelle Wahrnehmung an eine Apparatur abzutreten. Für Goethe war Sehen jedenfalls kein passiver Vorgang, bei dem die Außenwelt wie auf einer Wachstafel einfach nur in die Sinne eingedrückt wird. Das menschliche Auge galt ihm vielmehr als ein aktives Organ, das mit dem Licht und dem Hirn in ein dynamisches Wechselspiel tritt und zur Verarbeitung des Aufgenommenen beiträgt. Das entspricht durchaus heutigen kognitionspsychologischen Erkenntnissen.

Goethe hätte aufgrund der Mechanisierung des Vorgangs vielleicht eine Entfremdung des Menschen von der Wahrnehmung konstatiert. Während der Zeichner oder Maler, wie er selbst auf seiner Italienischen Reise, die Objekte mit dem Auge abtastete, ihre Eigenart durch das Nachvollziehen der Linien und Umrisse erfuhr und dabei eine geistige Rekonstruktion der Form vornahm, delegiert der digitale Fotoapparat diesen Prozess an einen Chip. Goethe hätte wohl analysiert, dass die moderne Kamera nicht sieht, sondern berechnet.

Die Fotografie erscheint wie die Erfüllung des Menschheitstraumes, den flüchtigen Augenblick festzuhalten. Sie fixiert Momente, nimmt sie aus dem Fluss der Zeit und macht sie dauerhaft verfügbar. Der Naturforscher Goethe dachte zwar meist in Kategorien des Werdens und der organischen Entwicklung. Alles war Bewegung und Übergang. Gleichwohl hätte er etwa bei der Makrofotografie oder High-Speed-Aufnahmen die Enthüllung von Strukturen bewundert, die dem Auge bislang verborgen geblieben waren. Seine Sammlung von Mineralien und anderen aus dem Leben genommenen Präparaten mag eine solche Vermutung unterstützen.

Ein besonderes Augenmerk hätte der Geheime Rat sicherlich auf die Farbgebung der modernen Fotografie gerichtet. Seine Farbenlehre hielt er für bedeutender als das eigene dichterische Werk. Für Goethe besaß jede Farbe eine spezifische Qualität. Das Gelbe drängt zum Licht, das Blaue zieht in die Tiefe, Purpur verkörpert die volle Reife. Die moderne digitale Fotografie neigt aufgrund ihrer Algorithmen und Social-Media-Filter jedoch zu einer Saturierung, einer künstlichen Dramatisierung. Goethe hätte dies wohl als eine Betäubung der Sinne betrachtet. Die digitalen Farben wären ihm nicht als Ergebnis des Zusammenspiels der Elemente erschienen, sondern als gefällig gemachte mathematische Abstraktion.

Und was würde Goethe zur heutigen Bilderflut sagen, bei der das Fotografieren zum permanenten Grundrauschen der Existenz gehört? Er hätte wohl knapp kommentiert, dass die Betätigung der Kamera an die Stelle des eigentlichen Erlebens getreten sei. Man habe zwar ein Bild gespeichert, aber die Seele hätte kaum etwas davon aufgenommen. Wo alles bildwürdig ist, werde nichts mehr wertgeschätzt. Wie ein moderner Tourist, der die Dinge einer fremden Umgebung nur noch mit dem Auge der Kamera wahrnimmt und auf deren fotografische Verwertbarkeit prüft. Welch ein Unterschied zur Italienischen Reise.

Goethe unterschied in seiner Kunsttheorie zwischen einer Nachahmung der Natur, also dem Kopieren der äußeren Oberfläche, der Entwicklung einer persönlichen Bildsprache des Malers und einem höchsten Stadium, in welchem der Künstler die Gesetze der Natur begreift und sie in einer frei geschaffenen Form neu entstehen lässt. Ein KI-generiertes Bild als Ableger der Fotografie wird dies kaum leisten können. Goethe hätte hier wohl einen Homunculus erblickt, ein Ergebnis aus der Retorte, geschaffen aus Algorithmen, dem der organische Ursprung fehlt.

Ein fiktiver Monolog: Man stelle sich vor, der gealterte Staatsminister sitzt an einem Spätsommerabend des Jahres 2026 in seinem Gartenhaus im Park an der Ilm. Ein Besucher zeigt ihm ein modernes Smartphone, erklärt die Funktionsweise der integrierten Kamera und führt ihm digitale Porträts, Filtereffekte und generative Bildwelten vor. Goethe betrachtet das Ding und spricht: So habt ihr also das Licht gezähmt, es in kleine Spiegel gesperrt, so dass es auf Knopfdruck gehorcht und die Welt im Kleinen vorgaukelt. Ihr rühmt euch, die Natur getreu erfasst zu haben, und merkt nicht, dass ihr sie euch gerade dadurch vom Leibe haltet! Und eure Farben! Ihr habt die feinen Übergänge des Trüben und die Schattierungen, in denen das Auge ausruhen mag, der Tyrannei des Effekts geopfert. Eure Bilder schreien den Betrachter an und werben um ihre Gunst für den Bruchteil einer Sekunde. Und ganz gar schaudert mir vor den Gespenstern, die ihr aus dem Nichts heraufbeschwört, Bilder ohne Licht, Gestalten ohne Fleisch, geboren aus dem Willen eurer Techniker! Das ist die Magie des Mephisto.

(Anmerkung: Die sprachliche Diktion dieses fiktiven Monologs ist mit KI-Unterstützung entstanden)

 

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