Reisefotografie. Ein Rückblick
Vor der Reise standen einige Entscheidungen jenseits von Logistik und Routenplanung. Sie verdichteten sich zu der Frage: Wie will ich fotografieren und mit welchem Werkzeug soll dies ermöglicht oder auch begrenzt werden? Im Wesentlichen ging es um die Wahl zwischen großem und kleinem Equipment, zwischen einer voluminösen Kamera mit mehreren Objektiven oder einer reduzierten Ausrüstung. Vielfalt durch Optionen oder Konzentration auf Weniges? Und nicht zuletzt ging es um Vorüberlegungen hinsichtlich Schwarzweiß und Farbe, zwei grundverschiedene Arten, die Welt visuell zu ordnen.
Die Entscheidung für eine kleine Kamera mit nur einem Objektiv fiel schnell. Sie war nicht das Ergebnis von Minimalismus als Selbstzweck, sondern basierte auf Erfahrung. Schon frühere Reisen hatten gezeigt, dass eine reduzierte Ausrüstung nicht als Einschränkung, sondern befreiend wirkt. Ein einziges Objektiv zwingt zu einer klaren, konsistenten Perspektive. Es eliminiert die Versuchung, jede Szene technisch zu lösen, indem man immerzu eine passende Brennweite sucht. Stattdessen entsteht die Notwendigkeit, sich physisch zu bewegen und den eigenen Standpunkt bewusst zu wählen. Dass es dennoch Situationen gab, bei denen das große Zoom oder ein langes Tele wünschbar gewesen wären, soll nicht unerwähnt bleiben.
Die klassische Bezeichnung der 50-mm-Brennweite als Normalobjektiv basiert auf der Annahme, dass sie dem menschlichen Seheindruck am nächsten kommt. Diese Annahme ist technisch wie physiologisch nicht ganz präzise, hat aber eine ästhetische Wahrheit. Bilder mit dieser Brennweite wirken weder übertrieben noch komprimiert. Sie erscheinen vertraut. Die Normaloptik hingegen zwingt dazu, Bedeutung nicht durch spektakuläre Perspektiven zu erzeugen, sondern durch Komposition, Licht und Timing. Ein solches Bild kann nicht durch starke Fluchtlinien beeindrucken wie beim extremen Weitwinkel und es kann auch nicht isolieren wie ein Tele. Vielmehr muss es durch eine innere Ordnung überzeugen. Vor allem aber führt das technisch reduzierte Fotografieren zu einer tieferen Immersion. Man ist kein distanzierter Beobachter, der auf der Suche nach Perspektiven ist oder mit dem Tele aus sicherer Entfernung Beute macht, sondern Teil des Raumes.
Im Übrigen steht für bestimmte Situationen meist ein Smartphone zur Verfügung. Es ist eine andere Art des Fotografierens, schnell, unaufwändig, aber im RAW-Format durchaus leistungsfähig. Das Smartphone bietet sich für Schnappschüsse an, vor allem wegen der psychologischen Wirkung. Eine große Kamera erzeugt stets eine gewisse Aufmerksamkeit. Das Smartphone hingegen ist in den Alltag integriert und wird weniger wahr- und ernstgenommen. Als Ergänzung ist es nicht zu unterschätzen, gerade auf Reisen, wenn die Reaktionen auf das Fotografieren nicht vorhergesehen werden können. Aber auch mit dem Smartphone gilt es, erst zu fragen, bevor man jemanden zu nahe rückt.
Die zweite Frage betraf die Wahl zwischen Schwarzweiß und Farbe. Dies war mehr als nur eine technische Entscheidung. Monochromes Fotografieren bedeutet Reduktion. Es entfernt die Farbe als Informationsebene und zwingt dazu, sich auf Struktur, Kontrast, Form und Licht zu konzentrieren, eine Form der Abstraktion, die das Gesehene in eine grafische Ordnung überführt. Es schafft Klarheit und erlaubt, das Wesentliche hervorzuheben sowie Störendes auszublenden. Die Versuchung war groß, Marokko in Graustufen zu bannen. Doch es ist ein Land, dessen Faszination für den Reisenden nicht zuletzt durch Farben definiert wird wie etwa das gebrannte Ocker der Kasbahs oder die leuchtende Intensität der Stoffe.
Hier zeigte sich die Grenze der Schwarzweißfotografie. Die visuelle Realität mit ihrer Farbe, Textur und visueller Dichte widersetzte sich der Reduktion. Nicht im Sinne eines objektiven Widerstandes, sondern als Folge der eigenen subjektiven Wahrnehmung, sei es in den Engen der Medinas, inmitten des hektischen Treiben in den Souks oder in den Gassen von Fès und Marrakesch. Es fiel schwer, diese Welt reduziert in Schwarzweiß zu sehen. Fotografische Wahrnehmung ist nun einmal nicht neutral, sondern geprägt von Erwartungen, Erfahrungen und kulturellen Bildern. Das Vorwissen hinsichtlich eines Landes, gespeist aus Bildern, Filmen und Erzählungen, beeinflusst spürbar. Man sieht, was man zu sehen erwartet. Diese Projektionen sind schwer abzulegen. Sie wirken oft unbewusst und können dazu führen, dass sich die ursprünglich geplante Strategie, in diesem Fall Schwarzweiß, nicht umsetzen ließ, weil sie im Widerspruch zur eigenen, teils unbewussten, Erwartungshaltung stand. Die Entscheidung für die Farbe war weniger eine Kapitulation als Anpassung an das Mindset, ein Eingeständnis hinsichtlich der eigenen Subjektivität.
Sehen ist kein passiver Vorgang. Es ist ein aktiver, selektiver Prozess. Erwartungen strukturieren die Wahrnehmung, bevor überhaupt ein Bild entsteht. Im konkreten Fall erwies sich die Idee eines farbigen Landes als prägend. Sie ist nicht falsch, aber sie ist auch nicht neutral. Sie lenkt den Blick auf bestimmte Aspekte und blendet andere aus. Das Freimachen von solchen Projektionen ist schwierig, weil sie tief verankert sind. Es erfordert eine gewisse Anstrengung, die eigene Wahrnehmung zu hinterfragen und zu öffnen. In der Praxis gelingt das selten vollständig. Fotografieren bleibt immer auch ein Dialog zwischen Welt und innerem Vorabbild. Der vor der Reise entstandene fotosinn Beitrag Erwartung und Projektion hatte dies thematisiert.
Reisefotografie ist an einen Ort gebunden, weniger hingegen die künstlerische Fotografie. Entscheidend ist die Funktion der Bilder. Künstlerische Fotografie nutzt den Ort als Bühne oder Material für eine interne Vision. Ihr kann es gleichgültig sein, ob eine Wand in Marrakesch oder in Castrop-Rauxel steht, solange das Licht und die Komposition eine gestalterische Aussage stützen. Reisefotografie hingegen ist meist dokumentarisch angelegt und hat eine referenzielle Funktion. Sie zeigt, wie etwas ist oder war, eingebettet in eine Erfahrung und nützlich für die Erinnerung. Selbst wenn sie ästhetisch anspruchsvoll ist, bleibt die Referenzialität bestehen. Künstlerische Fotografie hingegen ist weniger an die konkrete Realität gebunden. Sie nutzt die Welt als Material, jedoch nicht als primären Referenzpunkt. Ihre Bilder sind autonomer. Sie verweisen weniger auf das Dargestellte als auf sich selbst. Besonders auf Reisen ist diese Unterscheidung relevant. Die Fülle an Eindrücken, die Fremdheit der Umgebung, die begrenzte Zeit, all das begünstigt eine dokumentarische Herangehensweise. Man möchte festhalten, was man sieht, und will viel davon mitnehmen.
Die Entscheidung für eine kleine Kamera mit dem Normalobjektiv hat sich bewährt. Sie ermöglichte, sich auf das Sehen zu konzentrieren statt auf das Werkzeug. So ließ sich vermeiden, dass der fotografische Prozess durch technische Überlegungen unterbrochen wurde. Es hat sich aber auch gezeigt, dass Erwartungen und Projektionen eine starke Rolle spielen. Bei einem längeren Aufenthalt wäre wohl auch das Fotografieren in Schwarzweiß möglich geworden. Das Vertrautwerden mit der anderen Kulturumgebung hätte größere Freiheiten geschaffen. Bei einem kurzen Aufenthalt ist das hingegen schwierig. Der erwähnte fotosinn Beitrag Erwartung und Projektion hatte auch diesen Adaptionsaspekt näher beleuchtet.