Ethik im Zeitalter synthetischer Bilder
Man kann sich des Eindrucks kaum erwehren, dass hinsichtlich der Erkenntniskraft der Fotografie eigentlich alles gesagt ist. Die Kernthesen sind bekannt. Roland Barthes hielt fest, dass die analoge Fotografie auf reale Lichtspuren verweist und somit einen gewissen Beweischarakter hat. Die digitale Fotografie kann diesen hingegen nicht mehr beanspruchen, da bei ihr grundsätzlich alles auf manipulierbaren Pixeln beruht und ein zwingender Realitätsbezug kaum behauptet werden kann. Und die fotografieähnlichen, generativen KI-Fakes haben schließlich zur kompletten Ernüchterung geführt. Einem fotografischen Bild kann heute schlichtweg nicht mehr getraut werden. Der schnelle Befund stellt fest: Die Fotografie hat ihre Unschuld verloren, die Kamera ist überflüssig, das Bild nur noch Prompt. Bedeutet dies nun das Ende jeglicher Theorie der Fotografie? Oder gar der Fotografie selbst?
Vorsicht ist da angebracht und historisch betrachtet sollte man mit der Annahme eines Endes von irgendetwas sowieso zurückhaltend sein. Vielleicht besteht das Problem eher in einer Überdosis von Gewissheiten, die ermüden und Gedanken jenseits der bekannten Thesen erlahmen lassen. Wissen wir nicht schon alles über die Fotografie? Was aber, so lässt sich fragen, kann diese leisten, wenn nichts mehr zu beweisen ist? Lassen sich Ansatzpunkte finden, die sich nicht im Betonen der digitalen Manipulationspotentiale oder im Beklagen generativer Beliebigkeiten erschöpfen? Auffällig ist jedenfalls, dass die Konzentration auf den Verlust des Indexikalischen meist technischen Überlegungen folgt, anstatt sich mit dem eigentlichen Ereignis der Bilderzeugung und ihrer Ethik zu befassen.
Gleichwohl kommt man um die Berücksichtigung einiger zentraler technischer Aspekte nicht herum. Denn wer mit dem Smartphone oder einer modernen Kamera fotografiert, denkt meist nicht daran, dass es den aus früheren Zeiten bekannten reinen Belichtungsmoment so nicht mehr gibt. Der elektronische Auslöser aktiviert nicht nur den Verschluss, der für den Bruchteil einer Sekunde die Welt einfängt, sondern startet im Kameraprozessor eine Sequenz von Algorithmen. Das Gerät hat bereits vor dem endgültigen Durchdrücken des Auslösers analysiert. Es bestimmt die Belichtung, erkennt Gesichter und gleicht Farben mit einer Datenbank ästhetischer Vorlieben ab, die dem Chip vom Kamerahersteller mitgegeben worden sind. Das Foto wird auf diese Weise zum Ergebnis eines algorithmischen Erwartungswertes. Bedeutsam ist nicht allein die Frage, ob ein Bild wahr ist, sondern es sind auch die zugrunde liegenden Idealdaten des Prozessors, die den Charakter einer Fotografie prägen.
Gegen die Übermacht der technischen Fremdbestimmung regt sich hier und dort Widerstand. Dabei geht es nicht um die Rückkehr zu einem vermeintlich reinen, wahren Bild, das es im Übrigen auch in analogen Zeiten nie gab, sondern um das bewusste Zulassen von Zufällen und Unsauberkeiten in Form von Rauschen, Unschärfen oder Objektivverschmutzungen. Das Bild will sich auf diese Weise der technischen Perfektion verweigern. Auch das Revival der analogen Fotografie kann so gedeutet werden. Die Welt möge doch bitte mehr sein als nur cleanes, digitales Datenmaterial.
Dies ist die eine Seite mit ihrem Verzicht auf jeden Objektivitätsanspruch. Auf der anderen Seite besteht trotz aller Ernüchterung weiterhin ein Bedürfnis nach der Zeugenschaft des fotografischen Bildes. Wir wissen, dass wir ihm grundsätzlich nicht trauen können, möchten aber gerne die Faktoren kennen, die im konkreten Fall einer Glaubwürdigkeit entgegenstehen. Anders formuliert, wie kann der Fotograf oder die Fotografin glaubhaft machen, dass ein Bild, wenn schon nicht objektiv wahr, so doch zumindest wahrhaftig ist. Das Foto ist kein exaktes Gleichnis für die Realität mehr, aber das Ethos des Fotografierenden kann dennoch für eine gewisse Gültigkeit bürgen. Der Kamerachip lässt sich zwar nicht ausschalten. Er ist mit seinem vorprogrammierten Prozessor das Herzstück des digitalen Apparates. Aber alles, was darüber hinaus bei der Bildbearbeitung geschieht, kann gesteuert und auch offengelegt werden.
Die Grenzen zwischen Wahrhaftigkeit und Manipulation bei der Bildbearbeitung sind unscharf und fließend geworden. Schon Eingriffe in Helligkeit oder Kontrast mit Photoshop oder einem ähnlichen Programm verändern die ursprünglichen Pixel. Gleichwohl sollte man hier innerhalb bestimmter Grenzen nicht von Manipulation sprechen. Solche Beeinflussungen hat es auch bei der analogen Dunkelkammerarbeit gegeben, etwa durch Hervorhebungen oder Abdunkelungen von Bildbereichen mit partiellen Nachbelichtungen oder Abwedelungen. Anders stellt es sich bei der digitalen Bildbearbeitung dar, wenn ganze Bereiche oder Objekte entfernt werden oder mit Filtern aus einem eher langweiligen Himmel eine dramatische Unwetteratmosphäre gezaubert wird. Die heutigen KI-Tools der Softwareprogramme bieten hier jede Menge Manipulationsmöglichkeiten, die die ursprüngliche RAW-Datei dramatisch verändern und ein völlig neues Bild entstehen lassen.
Seriöse Bildagenturen und Printmedien verpflichten ihre Fotografen, auf solche weitgehenden Manipulationen zu verzichten. Zusätzlich können digitale Wasserzeichen die Echtheit einer Fotografie bezeugen. Diese Mechanismen sind in heutigen Zeiten geeignet, zum Distinktionsmerkmal zwischen einer Fotografie und der Generierung erfundener Pixelwelten zu werden.
Die Fotografie ist nicht tot, wie mitunter behauptet wurde. Sie ist zwar von der Last befreit, die Realität objektiv spiegeln zu sollen. Gleichwohl bietet die Einhaltung ethischer Standards, und das muss eben auch technische Faktoren mit einbeziehen, die Chance zur Rettung der Fotografie als Medium der Reflexion über die Welt. Die algorithmische Vorverarbeitung im Kamerachip muss da kein Hindernis sein, denn auch bei der digitalen Fotografie gibt es nach wie vor einen Rest an physikalischem Licht, das durch die Linse auf einen Speicher trifft. Für vollständig KI-generierte Bilder trifft dies freilich nicht zu. Das eine vom anderen zu unterscheiden, wird jedoch immer schwieriger und bald nur noch mit forensischen Mitteln leistbar sein.
Eine heutige Theorie der Fotografie müsste wohl genau hier ansetzen. Es geht um die Frage des fotografischen Zeugnischarakters im Zeitalter synthetischer Bilder und damit um die Ethik der Fotografie. Objektive Wahrheit kann nicht erwartet werden, durchaus aber Wahrhaftigkeit. Zumindest gilt dies für alles Dokumentarische. Künstlerisches ist sowieso befreit von sämtlichen Regeln.
Um eine Ethik der Fotografie zu begründen, muss der Akt des Sehens aus der reinen Optik herausgelöst werden. Sehen und Fotografieren sind keine automatischen Vorgänge, sondern Formen der Verflechtung des Subjekts mit der Welt. Stets werden die aufgenommenen Eindrücke interpretiert und mit vorhandenen Erfahrungsrastern abgeglichen. Hinzu kommen beim Fotografieren Gestaltungsaspekte. Neutral oder objektiv ist da kaum etwas. Darüber hinaus bedeutet die Arbeit mit der Kamera meist Agieren im sozialen Raum. Man befindet sich in derselben physischen Situation wie das Geschehen und muss sich diesem gegenüber verhalten. Zwangsläufig wird die eigene moralische Reputation eingesetzt und man übernimmt eine Verantwortung für die Darstellung des Geschehens. Die persönliche Anwesenheit des Fotografen oder der Fotografin macht den entscheidenden Unterschied gegenüber der Generierung eines fiktiven Bildes.