Fotografieren im Zeitalter der Perfektion
Johann Peter Eckermann notierte aus einem Gespräch mit Goethe am 9. Februar 1831 einige Bemerkungen des Dichters zur Kunst seiner Zeit: Überhaupt geht alles jetzt aufs Technische aus, und die Herren Kritiker fangen an zu quengeln, ob in einem Reim ein s auch wieder auf ein s komme und nicht etwa ein ß auf ein s. – Wäre ich noch jung und verwegen genug, so würde ich absichtlich gegen alle solche technischen Grillen verstoßen, ich würde Alliterationen, Assonanzen und falsche Reime, alles gebrauchen, wie es mir käme und bequem wäre.
Goethes Bemerkungen zur Dichtkunst entfalten bei näherer Betrachtung eine zeitlose Wirkung. Überträgt man die Gedanken auf die Fotografie, ein Medium, das Goethe selbst noch nicht kennen konnte, wirkt seine süffisante Ironie wie eine Diagnose der Gegenwart. Kaum eine künstlerische Praxis ist heute derart von Technik, Normierung und Optimierung durchdrungen wie die Fotografie. Und kaum ein anderes Feld ist zugleich so anfällig dafür, technische Brillanz mit ästhetischer Bedeutung zu verwechseln.
Die Fotografie steht seit ihrem Entstehen in einem Spannungsverhältnis zwischen Kunstform und technische Apparatur. Anders als Dichtung oder Malerei ist sie ohne Gerät, ohne optische, chemische oder digitale Prozesse nicht denkbar. Diese Abhängigkeit hat ihr den Ruf einer mechanisch reproduzierenden Maschine eingebracht. Aber gerade deshalb hat sie auch den Wunsch geweckt, ihre künstlerische Legitimität durch formale Regeln, durch Präzision und ästhetische Perfektion abzusichern, etwa durch die Übernahme von Kompositionsregeln aus der Malerei wie den Goldenen Schnitt, die Drittelregel oder der Forderung nach klaren Bildhierarchien.
Im digitalen Zeitalter sind darüber hinaus technische Bildstandards in den Vordergrund gerückt. Parameter wie Schärfe, Dynamikumfang, Rauschverhalten, Auflösung oder Autofokusgeschwindigkeit sind permanent messbar, vergleichbar, optimierbar. Im Alltag wird gleichwohl meist auf Auto gestellt. Kameras und Smartphones korrigieren Belichtung, Farben oder Verzeichnungen ohne Zutun des Akteurs. Was einst Folge bewusster Entscheidungen war, ist heute Ergebnis des Programms und Leistung der Kamera. Oft steht diese in den einschlägigen Foren im Vordergrund. Neuste Modelle mit noch mehr Pixeln, Objektivtests und Workflows zur Bildbearbeitung nehmen einen Raum ein, der einst für ästhetische oder inhaltliche Debatten genutzt wurde. Die Herren Kritiker von heute quengeln nicht über misslungene Reime, sondern über minimale Unschärfen in den Bildecken, eine unzureichende Dynamik bei schwachen Lichtverhältnissen oder chromatische Aberrationen bei knallender Sonne.
Die technische Perfektion ist demokratisiert, damit aber paradoxerweise auch entwertet. Der Diskurs hat sich verschoben. Statt über den verborgenen Sinn eines Bildes, die Haltung oder Erfahrung des oder der Fotografierenden zu sprechen, kreisen viele Debatten um Werkzeuge. Begleitend fungieren Likes und Reichweite als scheinbar objektive Indikatoren für Qualität. Die Kritiker aus der Goethe-Zeit sind heute keine Rezensenten, sondern Algorithmen, die gemäß der Logik sozialer Plattformen agieren. Ergebnis sind eine Ästhetik der Austauschbarkeit sowie Bilder, bei denen alles richtig ist, die aber wenig riskieren. Genau dies hatte Goethe problematisiert. Ein formal korrekter Reim ist noch kein Gedicht. Und auch ein technisch perfektes Foto ist noch keine gute Fotografie im künstlerischen oder existenziellen Sinne. Was aber könnte es bedeuten, Goethes Impuls auf die Fotografie zu übertragen?
Der bewusste Regelbruch setzt zunächst einmal die Kenntnis genau jener Regeln voraus. Goethe plädierte ja nicht für Dilettantismus, sondern für Souveränität. Wer Regeln nicht kennt, kann sie nicht überschreiten. Dabei gilt, dass die Drittelregel oder der Goldene Schnitt keine Befehle, sondern Hilfsmittel sind. Sie bieten Orientierung, sind jedoch keine Verpflichtung. Ein schiefer Horizont ist nur dann eine Fehlentscheidung, wenn er aus Nachlässigkeit und nicht aus Absicht entsteht. Und Unschärfe kann zum gewollten Ausdrucksmittel werden, wenn sie etwas über Bewegung, Nähe oder Spontaneität aussagt. Das scharfe Bild eines langweiligen Motivs bleibt demgegenüber jedoch meist ein langweiliges Bild. Was nicht ausschließt, dass es im Kontext einer Konzeptserie über Langeweile ein gutes Bild sein kann.
Der bewusste Bruch mit fotografischen Konventionen lässt sich als Ausdruck von Freiheit verstehen. Häufig bewirkt dies beim Betrachter jedoch Irritationen. Ein Motiv wird angeschnitten, wo Vollständigkeit erwartet wird. Ein Bild bleibt dunkel, wo die Sehgewohnheit eine korrekte Belichtung verlangt. Die Schärfe liegt nicht im Zentrum, sondern am Rand, oder sie löst sich ganz auf. Solche Bilder entziehen sich dem schnellen Konsum. In einer Welt, in der die technische Makellosigkeit allgegenwärtig ist, wird die Weigerung, die Welt und das fotografische Sehen den Normierungen der Technik und der sozialen Medien zu unterwerfen,zur bewussten Geste und steht für die Wahrnehmung von Zufällen, Brüchen, Ambivalenzen. Vielleicht bleibt gerade deshalb das falsche ß länger im Gedächtnis hängen als jede klassisch perfekte Form.
Historisch betrachtet ist dies nicht neu. Viele der ikonografisch gewordenen Werke der Fotografie verdanken ihre Wirkung nicht zuletzt dem Bruch mit Standardidealen. Die körnigen Straßenfotografien des 20. Jahrhunderts, die unscharfen Kriegsbilder Robert Capas, die kontrastreichen Aufnahmen Moriyamas, die intimen Porträts Nan Goldins, sie alle leben nicht von technischer Perfektion, sondern von Präsenz. Sie sind Spuren intensiver Begegnungen, nicht Ergebnisse optimierter Kameraeinstellungen. Ihre technische Unzulänglichkeit ist integraler Bestandteil der Bildaussage.
In der digitalen Gegenwart kann die Abweichung so zu einem Zeichen der Autorenschaft werden. Das Unperfekte signalisiert, dass jemand etwas riskiert hat. In Zeiten algorithmisch getunter oder KI-erzeugter Bilder, optimierter Ästhetiken und endloser Wiederholungen sticht das Unperfekte plötzlich hervor. Damit soll nicht einer Romantisierung des Fehlerhaften das Wort geredet werden. Nicht jede Unschärfe ist sinnvoll, nicht jede Regelverletzung trägt eine Idee. Goethe spricht davon, sie zu nutzen, wie es ihm käme und bequem wäre. Das meint im Kern die Übereinstimmung von innerem Impuls und äußerer Form.
Authentisch ist ein Bild nicht, weil es ungeschönt ist, sondern wenn Gestaltung und Inhalt korrespondieren. Ohne diese Verbindung bleibt das Unperfekte bloße Pose, ein Effekt ohne Substanz. Künstliche Intelligenz ist in der Lage, Bilder perfekt zu bearbeiten oder gar zu erzeugen. Scharf, ausgewogen, normgerecht. Auf Befehl kann sie es auch unperfekt machen. Die Regelverletzung wird jedoch nur simuliert. Beide, perfekte wie unperfekte KI-Bilder, beruhen auf statistischen Wahrscheinlichkeiten, also dem Gewöhnlichen. Was nicht ausschließt, dass man der KI in absehbarer Zeit beigebracht haben wird, Unperfektes hervorzubringen, das Wahrscheinlichkeitsdaten nicht einfach nur fortschreibt, sondern frei verarbeitet. Die KI wird dann Dinge offerieren, die von einer künstlerischen Urheberschaft kaum mehr zu unterscheiden sind. Machen wir uns nichts vor. Nicht nur Journalisten, Grafiker, Programmierer, Steuerberater und viele andere sind von KI-Konkurrenten bedroht, sondern auch die fotografische Kunst selbst. Warum man überhaupt ein Bild macht, kann die KI allerdings nicht sinnvoll beantworten.