Inzucht der Bildästhetik

KI-generierte Bilder werden zunehmend mit einem beeindruckenden Authentizitätsgrad präsentiert. Es fällt immer schwerer, sie als Fakes zu erkennen. Entsprechend nervös ist die Fotoszene. Nahezu alles lässt sich am Rechner erzeugen. Warum noch mit einer Kamera auf die Straße oder ins Studio gehen? Prognosen legen nahe, dass es in Zukunft einen nachlassenden Bedarf an professionellen Fotografen und Fotografinnen geben wird. Alle Branchen, die direkt oder indirekt mit der Kameratechnik verbunden sind, geraten unter Druck. Das klingt angesichts der rasanten KI-Entwicklung plausibel. Gleichwohl sind Zweifel erlaubt. Einiges spricht dafür, dass es auch weiterhin ein Bedürfnis nach dokumentarischen Bildern geben wird. Die Spanne reicht von der seriösen Reportage bis zur Überwachungskamera oder der medizinischen Diagnostik. Von den massenhaften Bildchen für die Sozialen Medien ganz zu schweigen, selbst wenn hier zunehmend geschummelt und phantasievoll geschönt wird. Spinnen wir den Gedanken einer Welt ohne Fotografien dennoch einmal weiter. Zwei Folgen wären erkennbar.

Erstens wird die Faszination für das KI-generierte Bild nachlassen, da es auf dem Effekt beruht, wie eine Fotografie auszusehen, und als Doppelung von Wirklichkeit erscheint. Aber inzwischen kennt man den Mechanismus. Eine der Folgen ist die Einsicht, dass man einem Bild grundsätzlich nicht trauen sollte. Dies könnte bedeuten, dass die ganze Angelegenheit langweilig wird und man sich nach richtigen Fotografien zurücksehnt. 

Zweitens: Gibt es keine Fotografien im klassischen Sinne mehr, entfiele das Trainingsmaterial für KI-Bildgeneratoren. Nutzbar blieben alte Fotografien sowie die im Netz vorhandenen KI-Bilder. Welche Bedeutung dies für die Bildästhetik haben könnte, lässt sich ausmalen. Sie orientiert sich am bereits Vorhandenen und ernährt sich zunehmend aus sich selbst. Neue KI-Bilder werden anhand bereits vorhandener KI-Bilder trainiert. Da mag man noch so viele Prompts eingeben, um Neues zu schaffen, das für ein Bild zur Verfügung stehende Datenfutter ist selbst mehr und mehr KI-erzeugt. Der den Generatoren entgegengebrachte Einwand, dass ihre Bilder kaum von der Mainstream-Ästhetik abweichen, da sie auf der Grundlage von Wahrscheinlichkeitsalgorithmen entstehen, gilt in noch stärkerem Maße in einer Welt, in der KI-Bilder auf der Basis von KI-Bildern erzeugt werden. Die Ästhetikkurve nähert sich asymptotisch der Inzuchtachse.

Eine Welt ohne Fotografien ist bei alledem so schnell nicht vorstellbar. Was nicht unbedingt bedeutet, dass die heutige Kameratechnik für alle Zeiten das vorherrschende Paradigma sein muss. Es lassen sich Technologien zur Speicherung von Objekten und Vorgängen denken, die völlig anders funktionieren. Wie diese aussehen könnten? Wir wissen es nicht, können es aber nicht ausschließen. Entscheidend bleibt da die Frage, ob es in Zukunft einen Bedarf an der Aufnahme und Speicherung realer Realitäten geben wird oder ob wir uns nur noch in virtuellen Bildwelten bewegen wollen. Die Frage ist nicht trivial. Metaverse und Co. locken in ein Universum jenseits realitätsgebundener Welten. KI-Bildgeneratoren passen da bestens hinein. 

Wer von dieser Entwicklung nicht so recht überzeugt ist, wird weiterhin an der Fotografie mit Kamera und ohne Prompts Gefallen finden. Und obwohl die digitale Fotografie auf der technologischen Ebene dem KI-Bild in gewisser Weise nahesteht, ist die Geschwisterlichkeit zwischen analoger und digitaler Fotografie in paradigmatischer Abgrenzung zum KI-Bild von größerer Bedeutung. Die Dinge und ihre Definitionen sind in Bewegung geraten. Während die Fototheorie bislang überwiegend den ontologischen Schnitt zwischen analoger und digitaler Fotografie betonte, da in Anlehnung an Roland Barthes nur Erstere einen Realitätsanspruch reklamieren kann, rücken nun beide Kameratechniken näher zusammen, um sich gemeinsam gegen das KI-Zeug zu verteidigen. Das ist eher spannend als beunruhigend. Gleichwohl dürfte die Bedeutung der großen schwarzen Kameras von Canon, Nikon, Sony und Co. nachlasssen. Der Blogbeitrag Irrweg Vollformat hat sich kürzlich damit befasst. 

 

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Erwartung und Projektion