Lucia Moholy. Eine Schattengeschichte
Sie gilt heute als herausragende Bauhaus-Fotografin. Früher wurde dies kaum gewürdigt und man assoziierte das Begriffspaar Bauhaus und Fotografie vor allem mit László Moholy-Nagy, ihrem Ehemann in den 1920ern. Dabei war es Lucia Moholy, die viele der heute vertrauten Bilder des modernen Produktendesigns und der Dessauer Bauhaus-Architektur festhielt. Die Bedeutung Lucia Moholys für die Entwicklung der Fotografie und nicht zuletzt ihre Reflexionen über die Geschichte des Mediums müssen höher eingeschätzt werden, als dies bis vor einigen Jahren der Fall war. Walter Gropius war sich des Wertes ihrer Fotografien für die Vermarktung und das Image der Schule jedenfalls bewusst. Nicht ohne sich in späteren Jahren unanständig zu verhalten.
Dass bis zum Ausgang des 20. Jahrhunderts viele Bücher zu Geschichte und Theorie der Fotografie Lucia Moholy nicht erwähnen, ist symptomatisch. So hat auch hat Berliner bauhaus-archiv. museum für gestaltung, das über Moholys fotografischen und dokumentarischen Nachlass verfügt, dieses Bild erst spät korrigiert und einige ihrer Aufnahmen in Publikationen aufgenommen. Neu ist die Veröffentlichung der Fotografien Lucia Moholys allerdings nicht. Nur wurde sie zuvor meist nicht als Urheberin genannt. Ihre Bilder blieben anonym. Damit befinden wir uns mitten in einer Schattengeschichte. Auch diese ist Teil der Bauhaus-Wirklichkeit der 1920er Jahre und darüber hinaus.
Lucia Moholy wird 1894 in Prag geboren. Nach dem Studium der Philosophie und Kunstgeschichte arbeitet sie als Redakteurin und Lektorin, unter anderem für den Rowohlt Verlag. 1921 heiratet sie László Moholy-Nagy, mit dem sie 1923 nach Weimar und dann 1925 nach Dessau geht. Während László als Lehrer tätig ist, wirkt Lucia als dessen Ehefrau, ein typisches Konstrukt jener Zeit. Frauen am Bauhaus sind in der Regel Schülerinnen, nehmen aber meist keine formellen Funktionen wahr. Lucia lernt deshalb außerhalb in einem Fotoatelier und an der Hochschule für Grafik und Buchkunst in Leipzig, wo sie sich mit Reproduktionstechniken befasst. Diese Fertigkeiten setzt sie zusammen mit ihrer publizistischen Begabung dann auch für das Bauhaus ein. Ob es Feste und Veranstaltungen sind, Portraits der Lehrenden, Produktfotografien im sachlichen Stil ohne Schnörkel und Extremperspektiven oder Architekturaufnahmen des Dessauer Gebäudes sowie der Meisterhäuser mit ihren Interieurs, vieles von dem ist in Fotografien Lucia Moholys festgehalten. Und auch die damals entstandenen Publikationen des Bauhauses sind editorisch von ihr geprägt. Angemerkt wurde dies in der Regel allerdings nicht.
Zusammen mit László experimentierte Lucia mit der Fotogrammtechnik. Bei einigen dieser kameralos entstandenen Werke, die später László zugeschrieben wurden, handelt es sich um Gemeinschaftsprodukte. Aber trotz solcher Experimente unterschied sich ihr fotografisches Verständnis. Während László im Feld des Neuen Sehens den Weg der experimentellen Lichtbildnerei suchte, strebte Lucia von vorneherein eine sachliche, klare Linie an, nicht unähnlich des Ansatzes, der nach dem Weggang László Moholy-Nagys aus Dessau von Walter Peterhans verfolgt wurde. Walter Gropius schätzte diesen Stil und nutzte die Fotografien Lucias für die Produktwerbung sowie die Eigendarstellung des Bauhauses. Nach dem Krieg sollte er die in seinen Besitz gelangten Archivbestände dann weiterhin für die Vermarktung des bildnerischen Bauhaus-Erbes einsetzen, freilich ohne Lucia als Urheberin zu nennen oder an den Erlösen zu beteiligen. Sie wehrte sich dagegen, ein Rechtsstreit folgte.
Nach der 1929 erfolgten Trennung von László war Lucia Moholy bis zur Machtergreifung der Nazis 1933 in Berlin als Fotografin und Dozentin für Fotografie an der Kunstschule des ehemaligen Bauhäuslers Johannes Itten tätig. Auch im Londoner Exil setzte sie die Arbeit mit der Kamera fort und wirkte darüber hinaus als Autorin. Im Jahr 1939 erschien als Pelican Special das Taschenbuch A Hundred Years of Photography 1839 – 1939, eine damals erfolgreiche Publikation, die später in der Schriftenreihe Dokumente aus dem Bauhaus-Archiv Berlin neu aufgelegt wurde. Lucia Moholy gibt hier einen sachkundigen Überblick, der sowohl die technische Entwicklung der Fotografie in ihren ersten hundert Jahren wie auch deren soziologische und kulturelle Bedeutung beleuchtet. Dass sie kritische Gedanken zu den ideellen Höhenflügen der Bauhaus-Meister und ihrer Epigonen hinzufügte, soll nicht unerwähnt bleiben. Schließlich fehlt es da heute bei allen Lobpreisungen des Bauhausstils mitunter ein wenig an kritischer Distanz.
Die Geschichte Lucia Moholys ist in doppelter Weise somit auch eine Geschichte der Fotografie. Einmal zeigt ihre Biografie, wie im Bauhaus und darüber hinaus die Welt der Fotografie lange Zeit vorwiegend als eine männliche verstanden wurde. Daneben ist ihr Buch über die ersten hundert Jahren der Fotografie ein faktenreiches und kultursoziologisch anregendes Werk, das wohl auch die eine oder andere Geschichtsschreibung der Fotografie nach ihr beeinflusst hat. Nicht selten wiederum ohne Nennung der Quelle.
Zu empfehlen ist der Essay The Woman Who Immortalized the Bauhaus von Alice Rawsthorn im Magazin Aperture. Unter anderem wird der Konflikt mit Walter Gropius hier näher beleuchtet.