Alle Gegenstände dieser Welt lassen sich phänomenologisch, das heißt plausibel und ihrem evidenten Anschein nach, innerhalb eines euklidischen Raumes mit drei Koordinaten beschreiben, so etwa der Schrank von Ikea mit Höhe, Breite und Tiefe. Die Fotografie des gleichen Schrankes im Katalog weist dann allerdings nur noch zwei Ausdehnungen auf, eine Höhe und eine Breite. Die Tiefe ist verschwunden, das Bild des Schrankes stellt eine reine Fläche dar. Trotz dieses Unterschieds haben wir in der Regel keine Schwierigkeit, im Ikea-Kaufhaus mit dem Katalog in der Hand genau den Schrank zu finden, den wir uns zuvor ausgesucht hatten. Das ist ein bemerkenswerter Vorgang. Ein Schrank aus gepressten Holzspänen und einigen Metallteilen wird als übereinstimmend mit einer bunten Abbildung auf einer Papierseite inmitten vieler anderer Gegenstände erkannt. Solche Identitätsfeststellungen sind nicht selbstverständlich. Zum Erkennen des Schrankes bedarf es der Fähigkeit zum Sehen an sich und vor allem des Bildverstehens.
Ein Kind baut nach und nach eine kognitive Repräsentanz seiner Umwelt auf, nicht zuletzt, indem es die Beschaffenheit und Eigenschaften der Gegenstände im wahrsten Sinne des Wortes begreift. Es wächst in eine Welt hinein und lernt, sich in dieser zu bewegen und mit ihr umzugehen. Von der kognitiven Psychologie wurde die Entwicklung des Sehvermögens in den ersten Lebensjahren ausführlich beschrieben. Dabei ist auf der einen Seite der enge Zusammenhang mit der Ausdifferenzierung und zunehmenden Verknüpfung der Nervenfasern zu erkennen, andererseits auch die Verbindung mit dem allgemeinen Fortschreiten der Entwicklung. Während die Pupillen des Kindes nach der Geburt zunächst lediglich grobe Lichtreize wahrnehmen, hat sich nach drei Monaten die Fähigkeit des Kontrastsehens ausgebildet. Einige Zeit später setzt das Unterscheidungsvermögen zwischen nah und fern ein und die Entwicklung des räumlichen Sehens beginnt. In diese Phase fällt auch die Differenzierung des Farbensehens. Abgeschlossen ist die Ausreifung des Sehvermögens im Wesentlichen mit etwa sechs Jahren.
Parallel zu diesem Prozess vollziehen sich die Schritte der allgemeinen kognitiven Entwicklung. Die Personen und Dinge der kindlichen Umwelt werden nicht nur voneinander unterschieden, sondern es wird auch deren Bedeutung erfasst. Hier kommt die Gesellschaft ins Spiel, zunächst überwiegend in Gestalt der unmittelbaren Bezugspersonen. Gleichzeitig lernt das Kind, zwischen sich und der Umwelt zu unterscheiden, und es entwickelt eine Idee davon, dass Objekte existent bleiben, auch wenn sie sich nicht mehr im Blickfeld befinden. Hier begründet sich im Übrigen die Bedeutung des Versteckspiels für die kindliche Intelligenzentwicklung. Weiterhin kommt dem Gebrauch der Hand eine wichtige Funktion zu, da mit ihrer Hilfe Gegenstände in der räumlichen Verortung verändert und so die Folgen des eigenen Handelns getestet werden können. Der einsetzende Spracherwerb ermöglicht im Übrigen die Herstellung von gedanklichen Beziehungen zwischen den Dingen auf der Symbolebene. Der Begriff für ein Objekt, etwa ein Teddybär, gehört dann mit seiner realen Existenz und der Repräsentanz im Bilderbuch zusammen. Was die Funktion der Sprache anbelangt, sei hinzugefügt, dass bei taubstummen oder taubblinden Kindern gestische Ersatzsprachen eine ähnlich wichtige Bedeutung für die Ausprägung kognitiver Fähigkeiten einnehmen können.
Schließlich leitet das Kind aus selbstformulierten Annahmen Schlussfolgerungen ab, um diese auszutesten. Etwa mit dem zwölften Lebensjahr ist das logische Denken entwickelt. Heranwachsende können nun Probleme abstrakt analysieren, mathematische Operationen vornehmen und komplexere Hypothesen aufstellen. Theoretisch jedenfalls. Wenn das grundlegende Lernpotential in den ersten Lebensjahren nicht ausgeschöpft wurde, kann das Versäumte später nur schwer oder gar nicht mehr nachgeholt werden.
Noch einmal zurück zum Vorgang des Sehens. Die Lichtabstrahlungen der Objekte werden von Rezeptoren in der Netzhaut registriert und in elektrische Impulse umgewandelt. Nach der Strukturierung dieser Informationen werden sie in den dafür zuständigen Hirnregionen mit anderen Informationen zusammengeführt, mit vorhandenen Daten abgeglichen und als visuelles Bild mit einer Bedeutung, einem Sinn, verknüpft. Erst dieser gesamte Verarbeitungsprozess kann als Sehen bezeichnet werden.
Auch die Fähigkeit zur räumlichen Wahrnehmung ist Ergebnis einer Entwicklung. Dies ist von wesentlicher Bedeutung für das Verstehen einer Fotografie, denn die Einschätzung eines weit entfernten Objektes als real größenkonstant gegenüber einem gleichen, jedoch näheren, ist Ergebnis einer Abstraktionsleistung. Ebenso wird ein sich drehendes Objekt als körperkonstant bewertet, obwohl sich seine Oberflächenansichten permanent verändern. Ist dies einmal begriffen, wird es aufgrund der aufgebauten kognitiven Repräsentanz eines Objektes möglich, die Informationen eines zweidimensionalen Bildes, etwa einer Fotografie, zurückzuübersetzen und gedanklich mit einem realen, ursprünglich dreidimensionalen Objekt in Verbindung zu bringen. Ein Kind ist deshalb erst ab einem bestimmten Alter in der Lage, eine Fotografie richtig zu verstehen. Das weit entfernte Auto in einem fotografischen Bild ist dann kein kleines Spielzeugauto mehr.
Untersuchungen haben gezeigt, dass Angehörige fernab lebender indigener Kulturen, die erstmals mit fotografischen Bildern in Berührung kommen, deren Wirklichkeitsbezug zunächst häufig nicht erkennen. Erst nach Hinweisen auf bestimmte Einzelheiten wird ein Zusammenhang zwischen dem Bild und der realen Umgebung entdeckt. In der uns vertrauten Kultur findet dieser Lernprozess in der Kindheit anhand von Bilderbüchern statt. Bilderlernen heißt nichts anderes als Herstellen von Beziehungen zwischen zweidimensionalen Abbildungen und den Dingen des dreidimensionalen Raumes. Die abgebildeten und die wirklichen Objekte erhalten einen gemeinsamen Sinn. Der Ball im Bilderbuch, der Ball im Kinderzimmer und das Wort Ball gehören zusammen. Nur auf dieser Basis werden Fotografien verstehbar. Auch das Wiedererkennen des Schrankes von IKEA wäre sonst nicht leistbar.
Bei dem vorstehenden Text handelt es sich um einen überarbeiteten Auszug aus dem fotosinn-Essay Sehenlernen und Gestalten.