Walter Schels und die Kunst des Alterns

Die Ausstellung 16° Fische im C/O Berlin ist einem Fotografen gewidmet, dessen Bilder in den vergangenen Jahrzehnten regelmäßig in Zeitschriften gezeigt oder als Teil von Werbekampagnen bekannt wurden. Gleichwohl blieb sein Name ein wenig im Hintergrund, wenn es um die Nennung bedeutender Fotografinnen und Fotografen ging. Dies dürfte sich nun ändern. Walter Schels ist als ein Bildkünstler zu würdigen, der nicht nur herausragende Porträts sowie Werbe- und Dokumentarfotografien schuf, sondern auch ein umfangreiches experimentelles Werk, das bislang jedoch weitgehend unbekannt blieb. Aus seinem Archiv wurden für die in Kooperation mit der Stiftung F.C. Gundlach erstellte Ausstellung im C/O Berlin mehr als dreihundert klein- und großformatige Prints, meist in Schwarzweiß oder mit leichter Tönung, ausgewählt, die das weite Feld der fotografischen Möglichkeiten belegen. So hat Schels regelmäßig mit Übermalungen, Doppelbelichtungen, Montagen und chemischen Manipulationen gearbeitet. Insgesamt begegnen sich im C/O die dokumentarische und die künstlerische Fotografie auf eine Weise, die nicht von vielen beherrscht wird.

Der Ausstellungstitel 16° Fische nimmt Bezug auf das mit Empathie, Kreativität und Sensibilität assoziierte Tierkreissymbol zur Zeit der Geburt von Schels. Man muss nicht zur Esoterik neigen, um solche Merkmale in seinen Fotografien zu entdecken. Walter Schels wurde 1936 in Landshut geboren, arbeitete in verschiedenen Städten der Welt als Schaufensterdekorateur und konzentrierte sich dann in New York auf die Fotografie. 1970 kehrte er nach Deutschland zurück und etablierte sich als Porträt- und Auftragsfotograf sowie mit dokumentarischen Serien und Langzeitprojekten, die sein Interesse an entscheidenden Situationen des Lebens widerspiegeln. Die Aufnahmen von Neugeborenen für die Zeitschrift Eltern sowie fotografische Serien von Menschen am Lebensende oder von Trans-Personen zeigen dies. Oft geht es um existentielle Schwellen, Identitätsthemen und die Frage, wie fotografisch mit Intimität umzugehen ist. 

Die Ausstellung dokumentiert die wichtigsten Schwerpunkte im Werk von Schels. Experimentierfeld New York zeigt neben klassischen Straßenszenen und Wolkenkratzern frühe Experimente mit Mehrfachbelichtungen und nachträglichen Bildmanipulationen. Zufallsergebnisse wurden nicht nur in Kauf genommen, sondern als gestalterisches Mittel offenbar geradezu gesucht. Auch scheinbar misslungene Aufnahmen wurden von Schels nicht entsorgt und dienten ihm später als Material für Neubearbeitungen einschließlich Übermalungen, Collagen oder physischen Manipulationen unter Einsatz von Chemie. Dazu Schels: Ein Bild ist nie fertig. Wenn ich meine Fotos anschaue, entsteht in meiner Fantasie oft schon deren Fortsetzung: Was kann man damit noch machen? Ich bin erst am Anfang.

Die fotografische Serien von Schels verweisen auf sein konzeptionelles Denken. Sammlungen von banalen Kanaldeckeln und Alltagsmotiven oder sogenannte Abfallbilder, die am Rande anderer Projekte entstanden und von Schels neu kontextualisiert oder zu Fotomontagen verarbeitet wurden, belegen die Orientierung zwischen Dokumentation und Kunst. Auch zahlreiche Porträts werden in der Ausstellung als serielle Projekte zusammengefasst. Fremd- und Selbstbildnisse nutzte Schels darüber hinaus in Form von Halbierungen, bei denen einmal die linke und dann die rechte Gesichtshälfte gespiegelt und jeweils als ein Bild zusammenmontiert wurden. Die unterschiedlichen Funktionen der beiden Hirnhälften zwischen Rationalität und Emotion finden nun einen sichtbaren Ausdruck. 

Eine andere Form des Experimentellen kommt in einer Serie vermeintlich misslungener Polaroids zum Ausdruck, die unbeabsichtigte Folge technischer Fehlfunktionen der Kamera oder des Entwicklungsprozesses sind. Schels bekennt auch hier seine Vorliebe für Zufälliges, Unperfektes und Überraschendes. 

Im Abschnitt Begegnung und Transformation – Die Bildnisse zeigt die Ausstellung Dokumente aus Alterungsprozessen und Lebensbögen von Menschen, Tieren und Pflanzen. Tiere spielen in einer weiteren Abteilung der Ausstellung ebenfalls eine Rolle. Hier ist auch das bekannte Schwarze Schaf zu sehen. In Blumen/Chemie kommen dann neben den Schwarz-Weiß-Porträts von Pflanzen Fotogramme hinzu, teils wieder mit Übermalungen. Schließlich als einer der großen fotografischen Schwerpunkte von Schels Das Originalgesicht. Hier geht es um seine Leidenschaft für das Porträt. Im Jahr 1980 entstanden Bilder von Andy Warhol und Joseph Beuys, bei denen es Schels darum gegangen war, das automatische Lächeln vor der Kamera wegzufotografieren. Diese Bilder sind zu Ikonen der Kunstwelt geworden. Weitere Porträts bekannter Persönlichkeiten folgen diesem Ansatz. 

Die Ausstellung im C/O Berlin ist noch bis zum 2. September zu sehen und wird in den Feuilletons als Würdigung eines in seiner ganzen Bandbreite zu entdeckenden Fotografen gefeiert. Aufgrund der Sichtung des experimentellen Archivs wird sie den Blick auf sein Werk nachhaltig erweitern. Die aktuelle Zeitschrift des C/O, die kostenlos ausliegt, bietet im Übrigen als Artist´s Notes einige Erklärungen des Fotografen selbst sowie Einblicke in sein Hamburger Studio. Weiterhin wurde in Kooperation mit ByteFM ein Interview im Podcast-Format produziert, das die hellwache Präsenz von Walter Schels zeigt. Im Gespräch berichtet er von wichtigen Momenten seiner fotografischen Laufbahn sowie das zentrale Anliegen, in Begegnungen mit Menschen durch Blickkontakt Vertrauen zu erwecken. Auch der lustvolle Umgang mit dem allgegenwärtigen Chaos wird angesprochen. 

Im Verlag Steidl ist ein Katalog zur Ausstellung erschienen. 

Ein Nachtrag: Walter Schels wurde kürzlich 90. Jahre alt. Sein langes produktives Schaffen und auch das Interview sprechen für die These, dass Fotografieren wohl keine schlechte Lebensmedizin ist. Ein aktueller Beitrag von DOCMA mit dem Titel Fotografieren gegen das Altern? Was die Epigenetik über die Kraft der Kamera verrät, stützt diese Vermutung. Demnach weist eine Studie darauf hin, dass künstlerisch-kulturelle Aktivitäten und ein aktiv gestaltendes Fotografieren dazu beitragen können, den Geist wach zu halten und den Alterungsprozess ein wenig zu verzögern. Wer die Welt aufmerksam und mit offenem Blick für Neues betrachtet, hält offenbar die Hirnmoleküle auf Trab.

 

Weiter
Weiter

Zum Stand der Dinge