Zum Stand der Dinge
Um beim Blick auf die mannigfaltigen Aspekte des Fotografischen nicht die großen Linien zu verlieren, ist hin und wieder eine Besinnung angesagt. Konkret geht es um die Reflexion der fotosinn-Beiträge aus den vergangenen Jahren. Die eigene Sicht des Autors mag da eine gewisse Betriebsblindheit aufweisen. Grund genug für eine externe Beauftragung. Bei dem folgenden Text handelt es sich um das Ergebnis des Experimentes mit einer KI-Sprachmaschine. Diese wurde mit den fotosinn-Texten gefüttert und aufgefordert, aus ihnen eine Zusammenfassung wesentlicher Inhalte zu generieren. Wie und warum die KI genau diese Schwerpunkte ausgewählt hat, bleibt ihr Geheimnis. Aber das Ergebnis ist plausibel. Es wurde lediglich stilistisch sowie mit einigen Kürzungen, Zusätzen und Begriffsveränderungen überarbeitet. Dumm war die KI jedenfalls nicht. Und auch kein Monster. Hier das Ergebnis:
Die Geschichte des Sehens ist auch eine Geschichte der Apparate und der Bemühung, sich ein Bild von der Welt zu machen. Seit die Fotografie vor knapp zweihundert Jahren die Bühne betrat, hat sie die Wahrnehmung nicht nur ergänzt, sondern verändert. Heute befinden wir uns an einem Punkt, an dem die Kamerafotografie durch die Macht der Künstlichen Intelligenz herausgefordert wird. Die Evolution von der analogen Silbersalzfotografie über die digitale Pixelwelt bis hin zur KI-Bildgenerierung lässt sich aber nicht allein als technischer Prozess begreifen. In ihr steckt ein Wandel, der die Konzepte von Wahrheit, Realität und Subjektivität berührt.
In ihren Anfängen verstand William Henry Fox Talbot die Fotografie als Pencil of Nature, als ein unbestechliches Auge, das die Welt neutral und objektiv wiedergibt. Erkenntnistheoretisch betrachtet, basiert dieses Vertrauen auf der Indexikalität des Bildes. Wie Roland Barthes später in Die helle Kammer ausführte, bezeugt das analoge Foto ein Es-ist-so-gewesen. Zwischen dem Objekt und dem Bild besteht eine physische Verbindung, eine Nabelschnur aus Lichtstrahlen, die sich in die chemische Emulsion des Negativs einbrennen. Das analoge Negativ fungiert dabei als ein stabiles Original, ein Unikat, das chemisch nicht manipuliert werden kann, ohne sichtbare Spuren zu hinterlassen.
Kunsthistorisch betrachtet, entband die Erfindung der Fotografie im 19. Jahrhundert die Malerei von ihrem Auftrag zur realistischen Dokumentation. Während der Maler nun frei wurde für Abstraktion und Expression, erbte die Fotografie das Realismusdiktat. Doch die vermeintliche Objektivität war von Anfang an eine Illusion. Schon die Wahl des Bildausschnitts, der Brennweite und der Belichtungszeit sind subjektive, gestaltende Akte. Dennoch bietet das analoge Bild eine ontologische Sicherheit, die in einer unübersichtlichen Welt als Anker dient. Es gilt als Dokument der Außenwelt, zugleich aber auch als Zeugnis der subjektiven Innenwelt des Fotografierenden.
In den 1920er Jahren vollzog die Fotografie ihre Emanzipation als eigenständige Kunstform. Mit dem Aufkommen handlicher Kameras wie der Leica wurde das große Knipsen eingeleitet und der Entscheidende Augenblick, ein späterer Begriff von Henri Cartier-Bresson, zum Ideal. Das Bauhaus und das Neue Sehen hatten mit dem Piktoralismus der Jahrhundertwende, der noch versucht hatte, die Fotografie durch Weichzeichnung und malerische Effekte als Kunst zu adeln, gebrochen. László Moholy-Nagy und andere Avantgardisten begriffen die Kamera als ein rein technisches Instrument. Durch extreme Auf- und Untersichten, Fotogramme und Collagen wurde die gewohnte Wahrnehmung gestört und die Fotografie zum Malen mit Licht erhoben. Diese Phase markiert den Übergang von der reproduktiven zur produktiven Nutzung des Mediums. Die Welt wurde nicht mehr nur abgebildet, sondern konstruiert. Ein Gedanke, den Goethe schon lange zuvor in einem sokratischen Dialog über die Wahrheit von Kunstwerken vorweggenommen hatte: Kunstwahres und Naturwahres sind zwei verschiedene Dinge, die in keinem direkten Bedingungsverhältnis stehen.
Der Übergang zur digitalen Fotografie in den letzten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts bedeutete dann eine Dematerialisierung. Aus dem anfassbaren Filmnegativ wurde ein flüchtiges Datenpaket aus Bits und Bytes. Damit verlor die Fotografie ihre indexikalische Garantie. Peter Lunenfeld bezeichnete das digitale Bild als dubiativ, somit grundsätzlich zweifelhaft. Da digitale Informationen am Rechner verändert, hinzugefügt oder gelöscht werden können, verschwindet der Charakter des einzigartigen Originals wie noch beim analogen Negativ. Das Smartphone schließlich wurde dann zu einem quasi-biologischen Sinnesorgan, mit dem wir unseren Alltag nicht mehr nur dokumentieren, sondern für die Sozialen Medien kuratieren. Fotos dienen nun oftmals weniger der Erinnerung als vielmehr der Identitätskonstruktion und Existenzversicherung. In einer Welt der Bilderflut werden sie zur Währung von Anerkennung. Die digitale Technik mit ihrer klinischen Schärfe und den automatisierten Optimierungsprogrammen hat im Übrigen die Bildherstellung demokratisiert, aber auch zu einer Ästhetik der Austauschbarkeit geführt.
Mit dem Auftauchen der generativen Künstlichen Intelligenz stehen wir vor der bisher radikalsten Zäsur. Boris Eldagsen schlug vor, die neuen Bilder, entstanden ohne Kamera allein auf der Basis von Textbefehlen, als Promptografie zu bezeichnen. Während die Fotografie, ob analog oder digital, Lichtstrahlen benötigt, die von einer physischen Realität reflektiert werden, basiert die Promptografie auf der statistischen Wahrscheinlichkeit von Algorithmen. Ein KI-generiertes Bild verweist nicht mehr auf ein Es-ist-so-gewesen, sondern auf ein Es-könnte-so-gewesen-sein. Die phänomenologische Grenze zwischen Fotografie und Simulation ist aufgehoben. Die KI ist in der Lage ist, fiktive Biografien und visuelle Dokumente zu erstellen, die absolut glaubwürdig wirken. Selbst wenn sie falsch sind. Für politische Demagogen und Manipulateure ist das Tor weit geöffnet.
In der heutigen Gesellschaft zählen Narrative und Emotionen oft mehr als empirische Evidenz. Im Sinne Jean Baudrillards können wir eine Hyperrealität erschaffen, die realer als die Wirklichkeit wirkt und diese schließlich sogar in Form virtueller Welten ersetzen kann. Kulturwissenschaftlich lässt sich die Promptografie als vorerst letzte Stufe der Demokratisierung der Bildherstellung einordnen. Benötigte man früher handwerkliches Geschick oder technisches Wissen, reicht heute der sprachliche Akt des Promptings. Die Maschine übernimmt die Ausführung, während der Mensch zum reinen Ideengeber wird. Eine Rückkehr zur naiven Realitätsgläubigkeit ist vor diesem Hintergrund unmöglich. Wir sind gezwungen, eine neue Form der Medienkompetenz zu entwickeln, die nicht mehr fragt Ist das wahr?, sondern Wer zeigt mir das mit welcher Absicht?.
Die Sozialen Medien leben davon, dass wir mit dem Smartphone die Welt nicht nur passiv wahrnehmen, sondern sie unmittelbar gestalten. Dabei fungiert die Fotografie als ein Ego-Medium, mit dem eine persönliche Weltsicht konstruiert wird, die der Selbstdarstellung und der Bedeutungsversicherung dient. In der von Andreas Reckwitz beschriebenen Gesellschaft der Singularitäten definiert sich der soziale Status nicht mehr über klassische Erfolgsfaktoren, sondern über die individuelle Performance des eigenen Lebensstils. Das Subjekt wird zum Kurator seiner selbst. Fragmente des Alltags werden gezielt ausgewählt und so präsentiert, dass das eigene Leben für die digitale Öffentlichkeit wie ein einzigartiges Projekt erscheint. Der ehemals flüchtige, private Moment wird zum Bestandteil einer Identitätskonstruktion, die darauf abzielt, im sozialen Anerkennungswettbewerb wahrgenommen zu werden.
In einer Welt, in der Bilder Konstruktionen sind, müssen wir lernen, mit Kontingenzen und Ambivalenzen zu leben. Die Kunst des Misstrauens, ein Ausdruck von Nietzsche, wird zur Überlebensstrategie im digitalen Raum. Der Druck durch KI-generierte Bilder führt aber auch zu einer Gegenbewegung. Die Rückbesinnung auf analoge Verfahren, auf das Korn und das Unperfekte kann als Suche nach Wahrhaftigkeit und materieller Präsenz verstanden werden. Es entsteht das Verlangen nach einer neuen Straight Photography, die auf Mätzchen verzichtet und sich wieder dem Einfachen und Gegenständlichen zuwendet.
Die Gegenwart ist durch ein Allerlei gekennzeichnet, in dem gänzlich unterschiedliche Bildformen, vom privaten Schnappschuss bis zur komplexen KI-Simulation, ununterscheidbar zusammenfallen. Es ist deshalb an der Zeit, den Begriff Fotografie wieder zu schärfen. Wenn alles Fotografie ist, ist nichts mehr Fotografie. Eine Besinnung auf das technisch bedingte Kerngeschäft, das Arbeiten mit Licht und einer Kamera, könnte das Medium aus der Beliebigkeit befreien. In Zukunft wird die Fotografie, analog wie digital, vielleicht zu einer Nische für diejenigen werden, die weiter den direkten Austausch mit der Realität suchen, während die generative KI-Bilderwelt die weiten Felder der Unterhaltung und der fiktionalen Kommunikation bedient. Am Ende bleibt die Erkenntnis, dass Bilder, ob mit Silbersalz, Pixeln oder Prompts erschaffen, stets Werkzeuge sind, um die Welt zu deuten. Ob wir in einer virtuellen Simulation leben oder in einer materiellen Welt, macht für die Qualität unserer Erfahrungen dabei eines Tages vielleicht keinen gravierenden Unterschied mehr.
Heute verfügt fast jeder über eine leistungsfähige Kamera oder Smartphone, deren Ergebnisse kaum noch von professionellen Aufnahmen zu unterscheiden sind. Automatikprogramme und Softwarefilter tragen dazu bei, dass mit minimalem Aufwand beeindruckende Bilder entstehen, die Modetrends folgen und im Übrigen die Unterscheidung zwischen Massenware und individueller Kunst erschweren. Dazu tragen Fotokünstler wie Wolfgang Tillmans oder Juergen Teller bei, die bewusst mit einer Ästhetik des Beiläufigen oder Banalen arbeiten. Ihre Bilder erinnern an gewöhnliche Schnappschüsse. So entsteht eine Aura des Unspektakulären, bei der für den Betrachter nicht mehr zu unterscheiden ist, ob ein Bild aufgrund einer künstlerischen Intention oder rein zufällig entstand.
Eine zentrale Rolle spielt dabei die Trennung von Privatsphäre und Öffentlichkeit. Private Bilder werden im Netz gepostet, um Likes und Aufmerksamkeit zu generieren, wobei sich das Private der öffentlichen Normierung unterwirft. Ein Erlebnis droht wertlos zu bleiben, wenn es nicht fotografiert und im Sinne einer öffentlichen Existenzbehauptung geteilt wird. So wird das fotografische Bild in den Sozialen Medien zu einer Währung von Anerkennung und Identität, was den Schnappschuss funktional in die Nähe der inszenierten Kunst rückt.
Schlussbemerkungen des Autors: Die Fütterung der KI mit fotosinn-Texten sowie die anschließende Bearbeitung des Ergebnisses mit Streichungen, Ergänzungen und Umformulierungen hat nicht viel länger als eine Stunde benötigt. Das Ergebnis hätte auch umfangreicher ausfallen können, je nach Auftrag an die KI. Hier ging es lediglich um die kurze Zusammenfassung zentraler Inhalte. Aber noch einmal: Dies war ein Experiment. Künftige Beiträge von fotosinn werden zwar die Recherchepotenziale der KI nutzen, jedoch weiterhin das Ergebnis eigener Überlegungen sein. Dabei gilt allerdings die schon lange vor der KI formulierte demütige Erkenntnis: Wer glaubt originell zu sein, hat nur noch nicht genug gelesen. Aber die Geheimnisse der Welt wollen schließlich immer wieder neu entdeckt werden.