Das Übel des Perfektionismus
Das 1993 erschienene Buch Art & Fear von David Bayles und Ted Orland ist so etwas wie ein Ratgeber für alle, die sich schwertun, ein begonnenes Gemälde oder Manuskript fertigzustellen, und sich stattdessen mit lähmenden Zweifeln herumplagen. Die Gedanken lassen sich auf jede Kunst übertragen, auch auf die Fotografie. Es geht dabei nicht um Ästhetik oder Technik, sondern um eine Analyse der Hürden, die ein produktives Arbeiten und die Zufriedenheit mit dem eigenen Werk behindern. Bayles und Orland machen sich auf die Suche nach den Gründen und räumen mit Mythen und falschen Vorstellungen auf.
Jedes Kunstschaffen ist eine unsichere und einsame Angelegenheit, so ihre Ausgangsthese. Aber vor allem ist es ein Kampf mit sich selbst. Man/frau fürchtet, dass ein Werk nicht der gedachten Vision entspricht. Das Buch räumt auch auf mit dem Mythos, dass Kunst durch Geniehaftes entsteht. Sie ist vor allem Arbeit! Wer auf die Muse wartet, wartet oft ewig. Darüber hinaus hindert das Streben nach Perfektion. Nicht selten führt es zur Lähmung. Perfektion durch Kontinuität zu ersetzen, wäre da sinnvoller. Die Geschichten von einer spontanen Eingebung sind meist nette Lügen.
Eine der Anekdoten des Buches handelt von einem Töpferkurs. Die Gruppe wurde aufgeteilt. Die eine Hälfte sollte lediglich ein perfektes Gefäß herstellen. Die andere wurde nach Quantität beurteilt. Wer zügig eine möglichst große Menge Ton verarbeitete, sollte eine Auszeichnung erhalten. Die besten Ergebnisse kamen am Ende aus dieser zweiten Gruppe. Während der Arbeit hatten die Mitglieder aus ihren Fehlern gelernt. Die Qualitäts-Gruppe hingegen grübelte lange über Perfektion nach und produzierte am Ende meist nichts Besonderes. Dies spricht für die zentrale Botschaft des Buches: Der erfolgreiche Künstler hört nicht auf und macht einfach weiter, denn Misslungenes ist kein Beweis für Unfähigkeit, sondern ein Schritt zum Besseren.
Die Anwendbarkeit der Thesen auf die Fotografie scheint evident. Diese hat heute mit Bedingungen zu tun, die Bayles und Orland damals so noch nicht voraussehen konnten. Die Allgegenwart digitaler Technologien und Medien hat neue Probleme geschaffen. Wer den Werbeversprechen glaubt, dass nur mit der neuesten Megapixelvollformatkamera und einem Objektiv mit höchster Lichtstärke Perfektes entstehen kann, ist bereits in die Falle getappt. Hinzu kommt die Abhängigkeit von der Meinung anderer. Wer auf Instagram und Co. möglichst viele Likes bekommen möchte, fotografiert vor allem das, was bereits erfolgreich ist. Katzenbilder gehen da immer.
Fotografie ist Arbeit. Die Fähigkeit, gute Bilder zu machen, kommt nicht durch Eingebung, sondern durch das kontinuierliche Scheitern am Mittelmäßigen. Und bei der Befürchtung, nicht talentiert genug zu sein, handelt es sich um eine Form des Widerstands gegen die Anstrengungen des aktiven Machens. Die Lektion mit der Töpferklasse muss jedoch richtig übertragen werden. Es geht nicht darum, möglichst häufig den Auslöser zu betätigen, sondern immer wieder neu die Entscheidung zu treffen, wie ein Bild bewusst gestaltet werden kann, dann aus dem Ergebnis zu lernen und das nächste besser zu machen. Die digitale Technik bietet hier gegenüber der analogen Vorgängerin einige Vorteile. Ein Bild kostet nichts und es lässt sich Vieles ausprobieren. Die Kamera unreflektiert mit Dauerfeuer zu betätigen, wäre allerdings keine Lösung.
Die Fotografie suggeriert eine unmittelbare Abbildung der Realität. Man sieht einen Moment, er ist perfekt, aber das Foto ist flach, langweilig und leblos. Oft wird versucht, die Lücke zwischen Anspruch und Ergebnis durch exzessive Nachbearbeitung zu füllen. Der Wert der Fotografie liegt aber nicht in der technischen Perfektion, sondern in der Erfahrung des Gestaltens. Wer die Furcht vor dem Misslingen akzeptiert und weiter fotografiert, fördert den Lernprozess.
Oft gibt es Phasen, in denen die Begeisterung verflogen ist und das Ziel weit entfernt scheint. Wer dennoch dranbleibt, arbeitet an seinen Fähigkeiten. Für den Fotografen von heute ist dies durch den Druck der sogenannten Sozialen Medien allerdings erschwert. Die im Netz gezeigte Fotokultur ist auf den Erfolg eines Einzelbildes programmiert. Ein Klick, ein Upload und, hoffentlich, ein anschließender Schwall von Likes. Das Gehirn ist auf schnelles Dopamin konditioniert. Langzeitprojekte wären da zum Gegensteuern eine hilfreiche Medizin. Sie fordern für geraume Zeit keine unmittelbare externe Validierung. Aber dennoch greift auch hier der ängstliche Gedanke: Wenn niemand das einzelne Bild sieht und es nicht liked, ist es dann überhaupt wertvoll? Bayles und Orland erinnern daran, dass die wichtigste Instanz jedoch der interne Zuschauer ist, also der Fotograf selbst. Wer nur für die Galerie oder die Likes arbeitet, verliert den Atem, bevor sich ein längerfristiges Vorhaben überhaupt entfalten kann. Solche Projekte zwingen dazu, sich mit der Langeweile und der Wiederholung auseinanderzusetzen. In der Mitte eines Prozesses wirken die Bilder oft redundant oder flach. Abgerechnet wird jedoch zum Schluss. Die Einsamkeit inmitten des Projekts ist kein Fehler im System, sondern oftmals eine Bedingung für Gelingendes.
Einer der befreienden Gedanken in Art & Fear ist die These, dass ein Künstler nicht die volle Kontrolle über das entstehende Werk beanspruchen muss. Und nicht einmal anstreben sollte. Ungeahnt Hereinbrechendes ist häufig erst das Salz in der Suppe. Das Problem besteht in der Illusion des perfekten Plans. Übertragen auf die Fotografie bedeutet dies, dass der unerwartete Schatten, der Passant, der ins Bild läuft, oder der plötzliche Regenschauer keine Störungen sind, sondern Botschaften aus der Welt des Zufälligen. Wer rigide an der ursprünglichen, reinen Vision festhält, übersieht oft, was sich in der Wirklichkeit abspielt. Dem Zufall Raum geben, sei es durch Unschärfe, körnige Texturen oder ungewöhnliche Anschnitte, erfordert eine Portion Gelassenheit. Das fertige Bild mag dann klüger sein als der oder die Fotografierende selbst.
Das Buch Art & Fear von David Bayles und Ted Orland mit dem rückseitigen Covertext An Artist´s Survival Guide gibt es als Kunst & Angst auch in einer deutschen Übersetzung.