Liebermann, Wilhelm II. und ein Kulturzensurminister
Das Potsdamer Museum Barberini erinnert mit der Ausstellung Avantgarde. Max Liebermann und der Impressionismus in Deutschland an die Kunst um 1900. Kaiser Wilhelm II. war zu jener Zeit nicht gerade bekannt für eine Liebe zum Experimentellen. Vielmehr sah er sich als obersten Schirmherrn einer deutschen Kultur mit klaren Vorstellungen, was Kunst zu leisten habe. Sie solle erziehen, idealisieren und den Glanz der Staatsmacht widerspiegeln. Abweichendes sowie die Darstellung von Elend oder dem einfachen Alltag, wie es einige Secessionisten um Liebermann zeigten, galten nahezu als Verrat. Für Wilhelm II. war es Rinnsteinkunst und im Übrigen Ausdruck mangelnden handwerklichen Könnens. Er forderte angenehme Sujets und Akribie. Impressionistisches entsprach nicht dem Heroischen der klassischen Historienmalerei, ebenso wie Hässliches und vermeintlich Unfertiges mit überdeutlich erkennbaren Pinselstrichen. Liebermann konterte den kaiserlichen Geschmack trocken mit Sätzen wie Zeichnen ist Weglassen.
Der Kontrast zwischen den vom Kaiser bevorzugten Künstlern um Anton von Werner auf der einen Seite und den Secessionisten um Liebermann auf der anderen konnte kaum größer sein. Die kaiserlich Geschätzten wurden für ihre Genauigkeit und heldenhaften Darstellungen gelobt. Ihre Gemälde waren naturalistisch und glatt. Staatsereignisse, Militär, Krönungen. Alles war prunkvoll, sauber und korrekt bis hin zu den Jackenknöpfen. Wilhelm II. liebte das Preußisch-Blau der Uniformen, das Gold der Epauletten und das schöne Weiß der Schlösser. Die ungeliebten Künstler hingegen nutzten auch braune, graue und dumpfe Erdtöne abseits des Strahlenden. Die Secession mit ihren impressionistischen Unschärfen war für Wilhelm II. jedenfalls ein Ärgernis. Und wenn Künstler dann auch noch die Lust verloren, an den traditionellen, staatlich gelenkten Ausstellungen teilzunehmen und stattdessen eigene Wege gingen, sah er einen Mangel an Disziplin und Gehorsam am Werke, fast vergleichbar einer Meuterei. Einfangen ließen sich manche von ihnen nur, wenn staatliche Förderungen oder andere Alimentationen lockten. Prekäre Lebensverhältnisse waren für Künstler und Künstlerinnen schließlich auch damals nichts Unbekanntes. Liebermann wurde zu einem der Protagonisten der Secession, weil er und andere es dennoch leid waren, dass eine staatlich dominierte Jury entschied, was Kunst sein sollte. Sie suchten eine Freiheit ohne politischen Erziehungsauftrag.
Auch heute ist ein Streit um das Verhältnis von Kunstfreiheit und staatlicher Steuerung entbrannt. Die Politik hat ihre Zurückhaltung aufgegeben und setzt auf Kunstkontrolle und staatstragende Bekenntnisse. Beispiele dafür häufen sich. Nach dem herbeigeredeten Antisemitismus-Skandal der Documenta 15 wurde deren Leitungsstruktur reformiert. Künftig soll die Politik direkter eingreifen können. Auch an anderer Stelle werden künstlerische Freiheiten durch ministerielle Vorbehalte eingerahmt. Für die Berlinale wird ein Verhaltenskodex gefordert. Drohinstrument ist die Kopplung von Fördergeldern an den Verzicht auf unliebsame politische Statements. Und man mischt sich in die Entscheidungen einstmals unabhängiger Jurys ein. Aktuelles Beispiel ist der Deutsche Buchhandlungspreis. Wolfram Weimer, Staatsminister für Kultur und Medien, holt Informationen des Verfassungsschutzes ein, um die Vergabe von Auszeichnungen entgegen den Vorschlägen von Experten zu steuern. Wilhelm II. lässt grüßen. Zu empfehlen ist dem Minister die Lektüre von Peter Parets Die Berliner Secession. Moderne Kunst und ihre Feinde im Kaiserlichen Deutschland. Vielleicht hat er ja demnächst viel freie Zeit dafür. Zu wünschen wäre es.
Die Ausstellung Avantgarde. Max Liebermann und der Impressionismus in Deutschland im Potsdamer Barberini ist im Übrigen bis zum 07. Juni 2026 zu sehen.