Design im Nationalsozialismus

Die Annahme, dass ab 1933 mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten ein radikaler Bruch in der deutschen Designgeschichte stattfand, lässt sich nicht ohne Einschränkung aufrechterhalten, denn es gab zwischen der Formensprache des Bauhauses sowie der Neuen Sachlichkeit der 1920er Jahre einerseits und der Gestaltung von Gebrauchsgütern im Dritten Reich auf der anderen Seite durchaus einige Parallelen. Die Verbindungslinie verlief dabei nicht über Ideologien, sondern über Gestaltungsprinzipien, Produktionslogiken und funktionale Anforderungen. Erkennbar sind formale Kontinuitäten bei gleichzeitiger ideologischer Diskontinuität.

Die Sachlichkeit des modernen Designs der 1920er Jahre sowie die Konzentration auf typisierte industrielle Fertigungen waren für die Nazis durchaus von Interesse. Im Sinne der NS-Autarkiepolitik und der späteren Kriegswirtschaft betrachtete man materialsparende, effiziente Produktionen und Produkte als nützlich. Die funktionalistische Ästhetik bot hierfür eine Blaupause. Auch wollte man sich in den ersten Jahren nach 1933 international als moderne Industrienation darstellen. Während die Repräsentationsbauten monumental und pseudoklassizistisch ausfielen, sollten Gebrauchsgegenstände, Haushaltsgeräte, Radios oder Flugzeuge modern aussehen. Das Amt Schönheit der Arbeit als Teil der Deutschen Arbeitsfront formulierte darüber hinaus die Vorgabe, auch Fabriken und Arbeitsgeräte gestalterisch anzupassen. Gefordert wurde eine Funktionalästhetik, die nicht weit von einigen Gedanken der Neuen Sachlichkeit entfernt war. Ordnung, Sauberkeit und Funktionalität am Arbeitsplatz wurden nun jedoch vor allem als typisch deutsch interpretiert und nicht im Sinne der progressiven Moderne. Das Ganze verkaufte man als Deutsche Sachlichkeit. Industriell Gefertigtes bekam im Bereich alltäglicher Gebrauchsgüter praktisch einen höheren Stellenwert als das ansonsten hochstilisierte Kunsthandwerkliche, das sich nur in kleineren Stückzahlen herstellen ließ. Das NS-Design hatte im Bereich der Massenwaren kaum etwas mit dem in der bildenden Kunst propagierten Blut-und-Boden-Topos zu tun und stand in manchen Bereichen der seriell orientierten Neuen Sachlichkeit nahe. Einige der funktionalen Möbelprogramme der 20er Jahre wurden zum Beispiel nach 1933 ohne grundlegende Veränderungen weiterentwickelt, teilweise bei personeller Identität der Entwerfenden.

Gleichwohl ist die ideologische Diskontinuität klar zu erkennen. Verstand sich das Bauhaus als internationalistisch, progressiv, experimentell und sozialreformerisch, war der Nationalsozialismus völkisch, in der Selbstinszenierung anti-modern, anti-intellektuell und anti-avantgardistisch. Das Bauhaus wurde als entartet diffamiert. Auf der Ebene der Selbstdarstellung und der ideologischen Programmatik bestanden somit keinerlei Verbindungslinien. Rhetorisch lehnten die Nazis die Moderne in allen ihren Erscheinungsformen ab, nutzten aber einige ihrer Prinzipien dort, wo es um Effizienz ging.

Das Leipziger GRASSI Museum für Angewandte Kunst geht dem Zusammenspiel von Kunsthandwerk, Design und Ideologie des Nationalsozialismus gegenwärtig in der Ausstellung FORMEN DER ANPASSUNG nach. Die oben angedeuteten Verbindungslinien zur Moderne der 1920er Jahre werden aber nur am Rande gestreift. Vorrangig befasst sich die Ausstellung mit den Bemühungen der Nazis, eine eigene, auf alte, vormoderne Muster zurückgehende, deutschtümelnde Ästhetik zu etablieren. Letztlich blieb dies jedoch ohne durchgreifende Alltagswirkung. In den zwölf Jahren des NS-Regimes konnte es zum Beispiel bei längerfristig haltbaren Gebrauchsgütern wie Möbeln oder Geschirr kaum gelingen, flächendeckend Altes gegen Neues auszutauschen. Gleichwohl machen die Exponate und Erläuterungstexte der Ausstellung das damals gezielt eingesetzte Zusammenspiel von Ideologie, Kunsthandwerk und Design deutlich.

Extragefertigte Einrichtungsgegenstände und besondere kunstgewerbliche Dekorwerke blieben in der Praxis weitgehend den NS-Eliten vorbehalten. Aufwändige Erzeugnisse der Gold- und Silberschmiedekunst, der Buchbinderei, der Textilkunst oder der künstlerischen Tischlerei dienten häufig den repräsentativen Zwecken von Partei und Staat. Das GRASSI Museum zeigt dies in einer der Ausstellungsabteilungen. Gleichwohl wurde dem Kunsthandwerklichen auf der ideologischen Ebene im Rahmen des propagierten Stilideals eine allgemeine Bedeutung zugeschrieben. Dabei griff man auf die Idee sogenannter Urformen zurück, die bereits Ende der 1920er Jahre im Kunsthandwerk diskutiert und 1930 im Rahmen einer Ausstellung des Werkbundes in praktischer Umsetzung präsentiert wurde. Gemeint waren Grundtypen alltäglicher Gebrauchsobjekte als Basis einer zeitlosen Gestaltung. Die Nationalsozialisten leiteten hieraus eine spezifisch germanische Tradition ab. Die Objekte wurden ab 1933 häufig mit Runen und Hakenkreuzen versehen.

Die Reichskulturkammer, der Reichsstand des Deutschen Handwerks und die Deutsche Arbeitsfront bildeten das institutionelle Gerüst der Leitbilddurchsetzung. Das Kunsthandwerk diente dabei als ideologische Speerspitze, aber auch das industrielle Design wurde von der Reichskulturkammer zentral gesteuert. Die Ausstellung im GRASSI Museum macht darüber hinaus die Bevorzugung heimischer Materialien wie Holz, Zinn, Schmiedeeisen oder Leinen deutlich. Sie galten als Symbole deutscher Werte wie Bodenständigkeit, Ehrlichkeit und Traditionsbindung. Dass diese Materialbevorzugung auch mit dem Streben nach wirtschaftlicher Autarkie zu tun hatte, wurde bereits erwähnt, ebenso die Tatsache, dass die industrielle Fertigung trotz der sonst propagierten Blut-und-Boden-Ideologie in der Praxis von größerer Bedeutung war als die handwerkliche Herstellung.

Kunsthandwerkliches und industrielle Gebrauchsgüter im deutschen Stil wurden auf internationalen Messen gezeigt, um die Leistungsfähigkeit und kulturelle Besonderheit des Landes zu demonstrieren. Auch ging es um die Exportförderung und die Beschaffung von Devisen. Im Land selbst sorgten Wettbewerbe, Ausstellungen und Medienkampagnen für die ästhetische Einflussnahme im Sinne eines volksdeutschen Geschmacks.

Vervollständigt wird die Ausstellung im GRASSI Museum durch die Darstellung der Zwangsarbeit im NS-Kunstgewerbe. Sowohl Betriebe in der Nähe von Konzentrationslagern wie auch Werkstätten innerhalb der KZ nutzten handwerklich und gestalterisch ausgebildete Häftlinge als billige Arbeitskräfte. Bekannt ist das Schicksal des Bauhausabsolventen Franz Ehrlich, der im KZ-Buchenwald Möbel und Einrichtungsgegenstände für die Lagerleitung entwerfen musste. Selbst die Typografie des Schriftzugs Jedem das Seine am schmiedeeisernen Eingangstor des Vernichtungslagers stammt von ihm.

Im letzten Raum der Ausstellung Kunsthandwerk und Design im Nationalsozialismus befasst sich das Museum mit seiner eigenen Geschichte. Seit 1922 fanden die sogenannten Grassimessen statt, bei denen Kunsthandwerker und Kunsthandwerkerinnen, Ausbildungsstätten, Künstlervereinigungen und Unternehmen ihre Erzeugnisse und Entwürfe präsentierten. Kennzeichnend waren hohe Qualitätsstandards und ein modernes Design. Ab 1933 wurde die Agenda dann nach und nach gleichgeschaltet. Zwar waren die Messen zunächst weiterhin durch sachlich-funktional gestaltete Produkte gekennzeichnet und nur hier und dort sah man nationalsozialistische Symbole, dies änderte sich aber innerhalb weniger Jahre. 1936 wurde die große Pfeilerhalle vollständig im Sinne der NS-Symbolik dekoriert, Funktionales blieb aber weiterhin Bestandteil der Messen. So präsentierte der ehemalige Bauhäusler Wilhelm Wagenfeld sein Glassortiment, das auch von NS-Kulturfunktionären als Neuinterpretation von Urformen gewürdigt wurde. Die Sammlung des Museums ergänzte man im Übrigen nun durch Volkstümliches und Industrieprodukte. Nicht unerwähnt soll bleiben, dass neben den Messen auch die diffamierende Wanderausstellung Entartete Kunst gezeigt wurde und diese einen regen Besucherandrang verzeichnete. Das Museum diente längst als Instrument der völkisch-kulturellen Geschmackserziehung. Ende 1943 wurde das Gebäude durch Brandbomben weitgehend zerstört. Erst ab 2001 erfolgten der Wiederaufbau sowie die Sanierung der verbliebenen Bausubstanz.

Die Ausstellung FORMEN DER ANPASSUNG. Kunsthandwerk und Design im Nationalsozialismus im GRASSI Museum für Angewandte Kunst in Leipzig ist noch bis zum 12.04.2026 zu sehen. Begleitend ist im Verlag Hirmer ein umfangreicher Katalog erschienen.

 

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