Postfotografie und Postfaktisches

Lange galt das technische Bild als objektiver Beweis der Realität. Mit der Digitalisierung und vor allem der KI-Bilderstellung verlor es dann jedoch seine indexikalische Garantie. Das Bild ist nun kein physischer Abdruck mehr, sondern eine Konstruktion. Es verweist nicht auf eine existierende Welt, sondern auf die Funktionen eines Algorithmus. Diese technologische Entmaterialisierung liefert auch die visuelle Basis für eine postfaktische Gesellschaft. Hier zählen Narrative und Emotionen mehr als empirische Evidenz. Echokammern in den Sozialen Medien verstärken diesen Effekt. Bilder müssen nicht mehr wahr sein, sie müssen sich richtig anfühlen. Gleichzeitig ermöglichen sie die vollständige Simulation von Ereignissen und Identitäten. Die bloße Existenz von Manipulationsmöglichkeiten erlaubt es dann im Übrigen, selbst authentische Fotografien als Fälschung zu diskreditieren.

Ich glaube etwas, wenn ich es sehe. Jahrhundertelang war dies ein Fundament der Moderne. Das Sehen galt als der verlässlichste unserer Sinne, und die Fotografie war sein technisches Äquivalent. Seit ihrer Erfindung im 19. Jahrhundert fungierte sie als objektives Auge, das die Welt nicht nur abbildete, sondern ihre Existenz beglaubigte. Doch dieser Pakt zwischen Bild und Wirklichkeit ist aufgekündigt. Wir befinden uns in einem Prozess, der durch die Attribute postfotografisch und postfaktisch markiert wird. Während das Postfotografische den technologischen Wandel des Bildes von der physikalischen Spur zur digitalen, algorithmischen Konstruktion meint, weist das Postfaktische auf den gesellschaftlichen Verlust eines gemeinsamen Wahrheitskonsenses hin. Die beiden Phänomene sind keine bloßen Parallelentwicklungen, sondern miteinander verwoben. Postfotografisches schafft die visuelle Infrastruktur für populistische, postfaktische Politikansätze. In einer Welt, in der Bilder manipuliert, generiert oder simuliert werden können, verliert das Visuelle seine Beweiskraft als Referenzpunkt der Realität.

Die analoge Fotografie war einst so etwas wie ein Beweismittel. Lichtstrahlen, die von einem realen Objekt reflektiert wurden, trafen auf einen chemisch beschichteten Träger wie Platte oder Film und hinterließen dort eine Spur. Das Negativ war ein Index wie ein Fußabdruck im Sand. Es gab eine physikalische Verbindung zwischen dem Objekt und seiner Abbildung. Mit der Digitalisierung vollzog sich dann jedoch eine radikale Dematerialisierung. Das Bild ist nun kein chemisches Produkt mehr, das sich in der Dunkelkammer realisiert, sondern ein digitales Datenpaket, das auf dem Bildschirm Wirklichkeit wird. Der Übergang ins postfotografische Zeitalter markiert das Ende der indexikalischen Garantie.

Wenn Licht auf einen Sensor trifft, wird es vom Programm des Kamerachips kodiert und als Datensatz gespeichert. Bei den Pixeln des digitalen Bildes handelt es sich um diskrete Werte, die beliebig verschoben, ersetzt oder gelöscht werden können. Manipulative Veränderungen bis hin zur Bildmontage können mit Photoshop oder einem anderen Programm, kaum wahrnehmbar, vorgenommen werden. Die letzte und radikalste Stufe der Postfotografie ist die generative Bilderstellung. Programme wie Midjourney oder DALL-E, auch ChatGPT und andere, benötigen keine Kamera mehr. Sie erzeugen Bilder auf der Basis eingegebener Textbefehle, sehen jedoch aus wie Fotografien. Die phänomenologische Grenze zwischen Fotografie und Simulation ist aufgehoben. So besitzt ein KI-generiertes Bild eines vermeintlich historischen Ereignisses, das in Wirklichkeit nie stattgefunden hat, die gleiche ästhetische Anmutung wie ein echtes Dokument. Das Bild verweist nicht mehr auf ein Es-ist-so-gewesen, sondern auf ein Es-könnte-so-gewesen-sein. In der Postfotografie ist die Kamera vom Aufzeichnungsgerät zum Konstruktionswerkzeug geworden. Oder sie verschwindet ganz, wie bei den generativen KI-Bildern. Da aber fotografierte und frei konstruierte Bilder kaum noch voneinander zu unterscheiden sind, verliert potentiell jede Fotografie den einstmals ontologischen Charakter. Sie ist nur noch eine Behauptung, jedoch kein Beweis mehr. Man kann nicht wissen, ob die Fotografie echt ist.

Parallel zu dieser technologischen Revolution hat sich das politische und gesellschaftliche Klima gewandelt. Attribute wie postfaktisch oder post-truth beschreiben einen Zustand, in dem die Grenze zwischen Fakt und Meinung verschwimmt. Es geht nicht primär darum, dass gelogen wird. Lügen gab es in der Politik schon immer. Das Postfaktische bezeichnet vielmehr eine Situation, in der die Unterscheidung zwischen wahr und falsch für den öffentlichen Diskurs irrelevant wird. Im postfaktischen Zeitalter werden politische Debatten mitunter nicht mehr auf der Grundlage von Daten und Fakten geführt, sondern entlang von Narrativen. Entscheidend ist nicht, ob eine Aussage empirisch belegbar ist, sondern ob sie sich wahr anfühlt und in das eigene Weltbild passt. Diese Entwicklung wird durch digitale Plattformen massiv befeuert. In Filterblasen und Echokammern entstehen abgeschlossene Wirklichkeiten. Algorithmen, die auf eine Maximierung der Plattformnutzung hinzielen, belohnen das Emotionale, das Polarisierende und das Bestätigende. Fakten, die der eigenen Identität widersprechen, werden nicht nur abgelehnt, sondern mitunter als Teil einer Verschwörung umgedeutet. Die Digitalisierung, einst auch als Werkzeug der Demokratisierung des Wissenszugangs wirksam, hat sich als effizientes Instrument zur Fragmentierung des öffentlichen Diskurses erwiesen. Das Bild dient nicht mehr als Medium der Information, sondern ist zum Instrument im Kampf um die Deutungshoheit geworden.

Im klassischen Journalismus war das Foto ein Begleiter der Nachricht und sollte den Text illustrieren. Im postfaktischen Diskurs hingegen wird das Bild als emotionaler Verstärker eingesetzt. Da die technische Qualität postfotografischer Erzeugnisse kaum noch von echten Aufnahmen zu unterscheiden ist, verschiebt sich der Fokus von der Wahrheit zurvermeintlichen Plausibilität. Wenn ein manipuliertes Foto den politischen Gegner in einer kompromittierenden Situation zeigt, wird es in Sozialen Medien geteilt und fördert bestehende Narrative. Die Spitze dieser Entwicklung markieren Deepfakes. Hier dienen generative KI-Produkte der Sucht nach Skandalisierung bzw. politischen Desinformationskampagnen. Deepfakes simulieren Identität, Stimme und Bewegung bekannter Persönlichkeiten so perfekt, dass die spontane Wahrnehmung überfordert ist. Im politischen Kontext wirkt dies als Brandbeschleuniger. Während früher mühsam Bilder und Texte gefälscht oder Zitate aus dem Zusammenhang gerissen wurden, können heute ganze Ereignisse visuell simuliert werden. Ein solches Fake-Video kann innerhalb kurzer Zeit breite Wirkung hervorrufen, und die Richtigstellung erfolgt oft erst dann, wenn der emotionale Schaden bereits angerichtet ist.

Der gravierendste Effekt dieser Entwicklung ist nicht allein die Existenz von Fälschungen, sondern die allgemeine Erosion des Vertrauens in das Sichtbare. In einer Welt, in der jeder weiß, dass Bilder perfekt gefälscht werden können, entsteht ein paradoxer Vorteil für Lügner. Wenn ein Politiker bei einer tatsächlichen Verfehlung fotografiert wird, muss er die Tat nicht mehr rechtfertigen, sondern kann einfach behaupten, das Bild sei ein Deepfake. Da das Publikum um die technologischen Möglichkeiten weiß, fällt dieser Zweifel auf fruchtbaren Boden.

Die bloße Möglichkeit der Manipulation untergräbt die Autorität der Realität. Wenn wir die Welt nicht mehr durch Bilder begreifen können, ändert sich das Verhältnis zu ihr grundlegend. Jean Baudrillard prägte den Begriff der Hyperrealität, bei der die Simulation realer ist als die Realität selbst. Wenn die KI ein Bild generiert, das Menschen in Angst versetzt, dann ist dieWirkung dieses Bildes real.

Wie kann vor diesem Hintergrund eine kritische Rezeption zurückgewonnen werden? Erkennbar sind zwei mögliche Strategien. Erstens lässt sich mit der Etablierung technologischer Standards der Versuch unternehmen, die Kette der Entstehung eines Bildes lückenlos zu dokumentieren. Das authentische Foto erhält einen digitalen Ausweis. Zweitens bekommt die Medienbildung eine immer stärkere Bedeutung. Es gilt zu lernen, Bilder als Texte zu lesen. Alphabetisierung bedeutet nun, die Mechanismen der algorithmischen Erzeugung von Medieninhalten zu verstehen und die Frage Was sehe ich? durch Wer zeigt mir das mit welcher Absicht? zu ersetzen. Eine naive, gutgläubige Rezeption reicht jedenfalls nicht mehr aus.

 

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