Schreiben über Fotografie

Im Moment des Fotografierens herrscht eine gewisse Ruhe. Diese hat nichts mit der Abwesenheit von Geräuschen zu tun, sondern mit der vorrangigen Präsenz des Visuellen. Wenn die Kamera einen bestimmten Augenblick inmitten der Bewegungen erfasst, tritt man aus der Zeit heraus. Die Welt reduziert sich auf Licht, Schatten, Linien oder den flüchtigen Ausdruck eines Gesichts. Wir wissen jedoch nicht immer, was uns da eigentlich gerade angezogen hat. Und warum lässt sich der Moment der Betätigung des Auslösers so schwer in Worte fassen? Eine mögliche Antwort liegt in der Natur beider Zustände. Fotografieren ist ein Akt der Bejahung. Das ist so gewesen, schrieb Roland Barthes. Die Kamera fragt nicht nach dem Warum, sie konstatiert das Geschehen. Schreiben hingegen ist ein Akt der Dekonstruktion und des Nachdenkens. Zwei unterschiedliche Vorgänge. Man kann nicht im Alltag der Wirklichkeit den perfekten Winkel suchen und gleichzeitig die Bedeutung der Dinge analysieren.

Die Dissonanz weist darauf hin, dass der Gebrauch der Kamera sowie des Schreibwerkzeugs zwei Zustände des Geistes verlangen. Und doch gibt es den Drang, irgendwie eine Brücke zu schlagen. Wir wollen nicht nur das Bild, wir wollen eine Geschichte, mitunter auch die analytische Betrachtung aus der Metaebene. Wir wollen die Evidenz des Fotos und die Tiefe von Texten.

Vielleicht gleicht das Verhältnis zwischen dem Fotografieren und dem Schreiben über Fotografie der Gezeitenströmung: Wo das eine flutet, muss das andere weichen. Es scheint Phasen zu geben, in denen wir Augenmensch sind und begierig die Welt aufsaugen, und andere, in denen wir zum Sinnsucher werden und das Aufgenommene durch die Mühle der Reflexion drehen, um es zu verstehen. Zunächst dominiert die Fotografie. Man stürzt sich mit der Kamera in die Welt. In dieser Phase wäre übermäßiges Nachdenken meist ein Hindernis. Wer zu viel reflektiert, verpasst vielleicht den Decisive Moment, jenen Bruchteil einer Sekunde, der zu einem ungewöhnlichen Bild werden kann. Man muss etwas einfangen, bevor man es interpretieren kann. Doch mit der Zeit schleicht sich eine Sättigung ein. Die Festplatte füllt sich mit Tausenden von Augenblicken und man erinnert sich daran, dass ein Foto zwar sagen kann, wie etwas aussah, aber nicht unbedingt, warum es so war oder was es bedeutet. Dies ist der Moment, in dem das Pendel umschlägt. Die Kamera bleibt in der Tasche, nicht aus Faulheit, sondern aus Skepsis gegenüber dem Schein der Oberfläche.

Es folgt die Schreibzeit. Das Tempo verlangsamt sich. Man sucht nicht nach dem neuen Bild, sondern nach dem Grund hinter den Bildern. Es ist die Phase der Konsolidierung. Während uns das Fotografieren nach außen getrieben hatte, in die Begegnung mit der Welt, führt uns das Schreiben zurück ins Ich. Warum habe ich dieses und jenes fotografiert? Und was bedeutet es? Fotografieren und Schreiben, ein dialektischer Prozess, bei dem sich der eine Pol nicht gegen den anderen aufrechnen lässt. Auch wenn die Gegenwart dazu neigt, das Wort höher zu schätzen als das Bild. Gesprochenes oder Geschriebenes gilt als Ausdruck von Vernunft, das Bild hingegen eher als Domäne der Emotion. Der Übergang zwischen den Phasen des Fotografierens und des Schreibens ist deshalb mitunter von einer inneren Unruhe begleitet. Man fühlt sich unproduktiv, nicht reflektiert genug, wenn man nur fotografiert, und weltfern entrückt, wenn man nur schreibt.

Wenn wir über das Verhältnis beider Zustände nachdenken, kommen wir vielleicht auf Goethe zurück. Er war der Prototyp des Augenmenschen. Das Sehwerkzeug galt ihm nicht lediglich als Organ zur Aufnahme visueller Informationen, sondern als Erkenntnisinstrument. Es war vor allen anderen das Organ, womit ich die Welt fasste, äußerte er in späten Jahren. Die Fotografie hätte er vermutlich mit einer Mischung aus Entzücken und Misstrauen begrüßt. Weil er an die Anschauung glaubte, an ein Sehen, das sich aktiv mit der Welt befasst. Aber das war eben nicht alles. Ebenso bedeutsam war für ihn das Schreiben über die Welt und die Natur. Er verstand dies als ein Akt der Positionierung gegenüber der Macht von Eindrücken, war aber davon überzeugt, dass man sinnvoll erst dann über etwas schreiben kann, wenn man es zuvor intensiv betrachtet hat. Eine Fotografie wäre für Goethe wohl zunächst nur ein Schattenbild geblieben wie bei Platons Höhlenbewohnern. Er starb allerdings wenige Jahre zu früh, um sich mit dem neuen Medium Fotografie zu befassen.

Für Nietzsche, dies ein anderer Ansatz, war Kunst im Idealfall das Ergebnis eines dionysischen Rausches. Das Schreiben über sie galt ihm deshalb als gefährliche Übung. Wer das Lebendige in Worte fassen will, laufe Gefahr es zu mumifizieren. In Menschliches, Allzumenschliches meinte er, dass die Sprache das Gefängnis des Geistes sei, während erst Kunst Freiheit schenke. Das Dilemma, kaum gleichzeitig denken und künstlerisch arbeiten zu können, hätte Nietzsche wohl als Spannungszustand begriffen. Wir brauchen das Rauschhafte, um nicht in der Abgeklärtheit der Sprache gefangen zu sein. Aber wir können nüchtern über die Dinge nachdenken, auch wenn damit die Sphäre des Dionysischen verlassen wird. Nietzsche selbst schrieb intensiv.

Zurück zur Fotografie. Wird akzeptiert, dass man nicht gleichzeitig den Auslöser betätigen und in kühler Distanz das Gesehene analysieren kann, bietet sich an, nach einer anderen Form der Kohärenz zu fragen. So ließe sich etwa das Fotografieren und das Schreiben als ein zweiphasiger Prozess begreifen, der gleichwohl eine gewisse Einheit aufweist. Auch, weil in einer Welt der Bilderflut das Wort eine fast rettende Funktion bekommt. Das Foto ist schnell, das Wort vergleichsweise langsam. Grund genug, beides zusammenzubringen.

Man kann die Kamera weglegen, wenn die Worte kommen wollen, und andererseits das Schreibwerkzeug beiseite lassen, wenn das Licht gerade perfekt ist. Die damit verbundene Dissonanz ist nicht aufzulösen. Wenn wir fotografieren, retten wir die Erscheinungen vor ihrem Verschwinden. Und wenn wir schreiben, schützen wir uns vor der Übermacht von Bildern. Das eine ist nicht bedeutsamer als das andere. Wer nur fotografiert, riskiert, zum Chronisten der Oberfläche zu werden. Und wer nur schreibt, läuft Gefahr, in einem staubigen Turm aus Begriffen zu verharren. Das Auge schaut, der Geist verarbeitet. Und im Dazwischen vibriert vielleicht die Wahrheit. Wir können beides wollen. Wenn auch nicht unbedingt zur gleichen Zeit.

 

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Fotografie und Poesie