Dionysos, Apollon und die Fotografie

Oskar Schlemmers Anmerkungen zum Dionysischen und Apollinischen haben vordergründig kaum etwas mit der Praxis der Fotografie zu tun, denn es ging ihm zu Bauhaus-Zeiten in Weimar und Dessau in erster Linie um das Bühnenspiel sowie die Malerei. Bei diesen erschien es ihm wichtig, Spontanes, Expressives in eine geregelte Form zu überführen. Dieser Gedanke lässt sich auf die Fotografie übertragen, selbst wenn sich Schlemmer mit ihr nicht explizit befasst hatte. Vielmehr nahm er die von Nietzsche eingeführten Kategorien auf, um in grundsätzlicher Weise die zwei Antriebe jeglichen Kunstschaffens zu beschreiben. Das Dionysische verkörpert Chaotisches und Grenzenloses, den Instinkt und die emotionale Überwältigung, das Apollinische hingegen Ordnung, Maß und Form, somit die Orientierung an Gestaltungsidealen.

Der Fotograf ist zunächst mit einer Wirklichkeit voller Details und Unordnung konfrontiert. Menschen, Bewegungen, Licht, Schatten, Zufälle, Oberflächen, räumliche Beziehungen, alles existiert gleichzeitig. Der Sucher oder Monitor der Kamera bietet eine Informationsfülle, die es zu ordnen gilt. Hierfür stehen verschiedene Möglichkeiten zur Verfügung: Wahl des Bildausschnitts, Komposition von Linien, Flächen und Zwischenräumen, Licht und Schatten, Schärfe und Unschärfe, Objektivbrennweite und Perspektive, Intensität von Farben bzw. deren Reduktion auf Schwarzweiß sowie letztlich der Zeitpunkt der Auslösung, der einen bestimmten Moment fixiert. Ergebnis ist ein gestaltetes Bild. Kurz, die Welt erscheint zunächst in ihrer dionysischen Vielfalt, das fotografische Ergebnis zeigt sie dann transformiert in eine apollinische Ordnung. Aus dem Fluss des Geschehens wird eine stabile Form herausgelöst. Ergebnis ist ein Bild, das den Vorstellungen des Fotografen und seiner Orientierung an bestimmten Idealen entspricht.

Fotografie kann das Ursprüngliche, Dionysische jedoch auch bewahren oder sogar verstärken. Eine verwackelte Aufnahme, Bewegungsunschärfe, Über- oder Unterbelichtung, ein zufälliger Bildausschnitt oder eine Mehrfachbelichtung können das Ungeordnete und Rauschhafte der Wirklichkeit konservieren. Deren Fülle bleibt dann sichtbar. Der Fotograf kann sich entscheiden. Seine Arbeit bewegt sich stets zwischen Ereignis und Ordnung, Zufall und Komposition, Bewegung und Fixierung.

Hieraus ließe sich eine Theorie des fotografischen Sehens entwickeln. Das Dionysische wäre die noch ungeformte, kontingente und dynamische Wirklichkeit. Das Apollinische bezeichnet hingegen die durch den fotografischen Blick erzeugte Begrenzung und Form. Die Praxis weist dabei jedoch eine Bandbreite auf, die von der Bewahrung der ursprünglichen Vielfalt bis zum Vorrang des Apollinischen reicht. Die spontane Straßenfotografie auf der einen Seite und die kontrollierte Studiofotografie auf der anderen markieren die Pole. Beide Genres streben nach dem perfekten, in sich stimmigen Bild, aber sie gehen unterschiedlich mit der Wirklichkeit um.

Bei der Street-Fotografie sind sowohl die Ausgangssituation wie auch das Ergebnis, nutzt man das Attribut ein wenig frei, dionysisch. Der Fotograf bewegt sich in einem dynamischen, unkontrollierten Umfeld. Menschen eilen umher, das Licht ändert sich und es gibt keinen Regisseur. Die Kamera wartet auf den Moment, in dem die Elemente der Straße eine sinnhafte Ordnung bilden, und schneidet aus der Wirklichkeit im Sekundenbruchteil etwas heraus, impulsiv und reaktiv. Verpasst der Fotograf diesen Moment, verfällt die Szene wieder ins unbestimmte Chaos.

Bei der Studio-Fotografie ist die Ausgangssituation eine andere. Sie ist von Beginn an apollinisch orientiert. Der Fotograf startet mit einem kontrollierten Raum. Nichts passiert zufällig. Das Licht wird exakt gesetzt, der Hintergrund und die Erscheinung des Objekts, sowohl beim Porträt wie auch beim Sachgegenstand, werden minutiös angeordnet. Der Fotograf schafft die Form, anstatt sie in der Welt zu suchen. Die Gefahr jeder Studiofotografie liegt jedoch darin, dass sie zu gewollt apollinisch wird, steril, leblos und starr. Bei der Porträtfotografie besteht die Kunst deshalb darin, die Emotion und den kleinen Kontrollverlust gezielt hervorzulocken. Wenn das Model die perfekte Pose für einen Moment vergisst und lacht oder zornig wird, fängt der Fotograf diesen Funken ein. Dies kann zu einem charakteristischen Bild führen, allerdings vom Porträtierten auch abgelehnt werden, wenn es nicht seinem Selbstbild entspricht.

Mit dem Dionysischen und dem Apollinischen hatte sich der Blogbeitrag Oskar Schlemmer – Idealist der Formstrenge befasst.

 

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Die Erweiterung des Fotografischen