Oskar Schlemmer - Idealist der Formstrenge

Der Bauhausmeister Oskar Schlemmer schrieb im Juli 1933 an den Kunsthistoriker Alois J. Schardt: Ich habe es mir immer zum Ziel gesetzt, das Überschwengliche-Dionysische zu läutern und zu formen, um das Apollinische zu erreichen. Die Intention des Briefes muss im Kontext der damaligen Zeit verstanden werden. Schlemmer war bemüht, nach dem Machtantritt der Nationalsozialisten sein Werk aus der Bauhaus-Zeit zu retten und erhoffte sich von Schardt eine vermittelnde Position. Dieser war allerdings kurz zuvor Mitglied der NSDAP geworden und wurde nach vorangegangener Tätigkeit als Direktor des Kunstmuseums Moritzburg in Halle nun zum Leiter der Neuen Abteilung im Berliner Kronprinzenpalais berufen. Schardt versuchte, sich dort mit einer vermittelnden Politik zwischen Nazi-Kunstverständnis und der künstlerischen Moderne zu behaupten. Ohne Erfolg, schon Ende des Jahres wurde er in Berlin entlassen. Seine Haltung war den Nazis nicht linientreu genug, und als erhoffter Unterstützer Oskar Schlemmers musste Schardt vollkommen wirkungslos bleiben. Soviel zum politischen Kontext des oben genannten Zitats. 

Oskar Schlemmer wurde 1888 in Stuttgart geboren. Nach dem Kunststudium, einigen frühen Skizzen für das später berühmt gewordene Triadische Ballett und ersten Erfolgen im Kunstbetrieb war er von 1920 bis 1929 Meister am Bauhaus in Weimar und Dessau, das er nach dem Amtsantritt von Hannes Meyer verließ, da er dessen Technikorientierung und seinem kollektivkommunistischen Programm nicht folgen wollte, und ging nach Breslau an die dortige Akademie. Aber auch dort war seine berufliche und künstlerische Zukunft nicht gesichert. Nach dem erzwungenen Ausscheiden 1933 blieben ihm nur noch wenige Aktivitäten außerhalb der politisch kontrollierten NS-Kunstwelt. Im April 1943 verstarb er in Baden-Baden. 

Die Geschichte Oskar Schlemmers ist nicht zuletzt ein Teil der Geschichte des Bauhauses, das schon während der gesamten 1920er Jahre von rechtskonservativen Kreisen bekämpft wurde und schließlich seine Programmatik in Anbetracht der ab 1933 geforderten völkischen Deutschkunst aufgeben musste. Einige Bauhäusler passten sich an und überführten Elemente der Moderne in die Regelwelt der Nazi-Gestaltung, andere gingen ins innere und fremde Exil oder wurden gar Opfer der Konzentrationslager. Die Geschichte Oskar Schlemmers mit seiner von den Nazis gerade noch geduldeten Existenz, diese jedoch ohne künstlerische Entfaltungsmöglichkeit, ist auch ein Symptom deutscher (Un-)Kultur in der ersten Hälfte des Zwanzigsten Jahrhunderts. 

Details zur Biografie Schlemmers bieten neben anderen die Sites der bauhaus kooperation und die des Deutschen Historischen Museums. Besonders zu empfehlen ist der 1990 im Reclam-Verlag Leipzig erschienene Band Oskar Schlemmer. Idealist der Form. Briefe, Tagebücher, Schriften. 1912 – 1943. Diesem ist auch das eingangs genannte Zitat entnommen. Ich habe es mir immer zum Ziel gesetzt, das Überschwengliche-Dionysische zu läutern und zu formen, um das Apollinische zu erreichen. Präziser ließe sich Schlemmers Verständnis von Kunst kaum formulieren. Das Zitat bietet sich als Schlüssel zu seinem Werk an. Es fasst den künstlerischen Arbeitsprozess zusammen, die Bändigung von chaotisch erscheinender Energie durch Struktur, Maß und Geometrie. 

Friedrich Nietzsche hatte griechische Götter genutzt, um zwei grundlegende und gegensätzliche Triebe in der Kunst und der menschlichen Natur zu beschreiben. Dionysos verkörpert Rausch, Ekstase und Leidenschaft, das Chaos und das Grenzenlose, den Instinkt und die emotionale Überwältigung. Apollon steht hingegen für Klarheit und Vernunft sowie für Ordnung, Maß und Form, damit für klassische Schönheit und geometrische Harmonie. 

In der Frühphase in Weimar war das Bauhaus stark beeinflusst von Johannes Itten; farbtheoretisch, aber auch ein wenig esoterisch und spirituell. Sein Lehrprogramm lebte vom Bauchgefühl, von expressiven Formen und individuellen Gefühlsäußerungen. Insbesondere nach dem Umzug nach Dessau wandelte sich das Bauhaus unter dem vorherrschenden Einfluss von Gropius. Mechanik, Funktionalität, standardisierte Typen und kühle Geometrie wurden mehr und mehr zum normativen Ideal. Schlemmer verortete sich auf der Brücke zwischen den beiden Welten: Hier Expressives, dort Formstrenge.

Schlemmer lehnte das Dionysische nicht ab, denn dieses sei der Rohstoff, die treibende Energie. Aber man müsse es läutern und formen. Ohne Veredelung bleibe es triebhafte Unvernunft. Schlemmers Ziel bestand darin, emotionale und körperliche Energien durch Konstruktion und Abstraktion in eine höhere Harmonie zu überführen. Der Tanz erschien ihm dafür neben der Malerei als ein geeignetes Instrument.

Die praktische Umsetzung stellte das Triadisches Ballett dar. Das Dionysische wurde durch Tänzer aus Fleisch und Blut mit prinzipiell fließenden Bewegungen verkörpert. Sie waren jedoch in starre, schwere geometrische Kostüme aus Zylindern, Kugeln und Kegeln eingezwängt. Ergebnis war ein mechanischer, nahezu mathematisch anmutender Tanz. Der Mensch war zur Kunstfigur geworden, das Ungestüme der Bewegung in eine geregelte Form transformiert. Diese galt Schlemmer als apollinisch. Kunst solle schließlich nicht das Rauschhafte, Triebhafte und Maßlose ausleben, sondern es durch Ordnung in eine höhere Gestalt überführen. Das Dionysische müsse erst geläutert und geformt werden.

Schlemmer interessierte sich weniger für den freien expressiven Ausdruckstanz seiner Zeit, sondern unterwarf die Körperbewegungen geometrischen, räumlichen und rhythmischen Regeln. Der Mensch wurde zum Element eines bestimmenden Form- und Raumzusammenhangs. Dies entsprach im Übrigen dem neuen Bauhaus-Denken mit der Konzentration auf Kreis, Quadrat, Dreieck, Linie, Fläche, Raum und Proportion. Das Apollinische Schlemmers hat somit eine deutlich modernistische und konstruktivistische Färbung. Das Triadische Ballett ist dabei Ausdruck einer ästhetischen Dialektik. Die Figuren wirken auf den ersten Blick mechanisch, starr und entmenschlicht. Zugleich sind sie das Ergebnis einer Auseinandersetzung mit der expressiven Energie des Körpers. Die Bewegungseinschränkung durch starre Kostüme sollte diese rhythmisieren und in eine höhere Ordnung überführen. So entstand ein tänzerischer Konstruktivismus

Schlemmers komplexe Gedankenführungen waren kein Ausdruck einer expliziten politischen Programmatik. Auch in diesem Feld bewegte er sich eher als Wanderer zwischen den polarisierenden Welten. Um so bedrückender sind seine Tagebuchnotizen und Briefe zu lesen, in denen er trotz gegenteiliger Hoffnungen immer klarer zu dem Schluss kam, dass am Ende die dumpfen Kräfte obsiegen würden, die aus Dummheit oder politischem Kalkül heraus die künstlerische Moderne ablehnten. Allem, was nur irgendwie aus dem Bauhaus kam, wurde von kleingeistiger, rechter Seite mit einer generellen Kampfansage begegnet. Deutschtümelei formierte sich gegen die international ausgerichtete Moderne. Da sah auch Oskar Schlemmer keinen Platz mehr für sich, selbst wenn er vielleicht kompromissbereit gewesen wäre. Schließlich hatte er wiederholt betont, dass er das Apollinische in der Tradition klassischer Formvorstellungen sah. Sein Brief an Alois J. Schardt zeugt davon. Der Pseudoklassizismus der Nazis war jedoch viel zu beschränkt, um das verstehen zu wollen. Ihr vor allem volkstümlich orientierter Kulturkampf richtete sich gegen alles, was nach Moderne und Bauhaus aussah.

 

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