Fotografie. Burnout?
Ein Nachlassen der fotografischen Leidenschaft, auch als kreative Erschöpfung bezeichnet, ist kein seltenes Phänomen und betrifft selbst erfahrene und professionelle Fotografen. Bei der Suche nach Erklärungen geht es mal darum, dass in der Vergangenheit mitunter die Konzentration auf Technisches zu sehr im Vordergrund stand und dadurch ein spontanes phantasievolles Agieren verdrängt wurde, mal um das Gefühl einer zunehmenden Fremdbestimmung, weil das Schielen aufs Publikum und Social Media Algorithmen die Motivation und die Freude am Fotografieren eingenebelt hat, mal um die Bedeutung persönlicher Lebenszyklen, in denen die Distanz zur Kamera hin und wieder notwendig wird, um sich intellektuell, gestalterisch und emotional neu auszurichten. Hinzu kommt in jüngerer Zeit die Entwertung von Mühe und Handwerk durch KI-Bildgeneratoren, die auf Knopfdruck spektakuläre Ergebnisse erzeugen.
In der Psychologie spricht man von einem Korrumpierungseffekt. Die intrinsische Motivation als pure Freude am Tun wird verdrängt, sobald extrinsische Belohnungen wie Geld, Aufträge, Deadlines, Kundenerwartungen oder Likes ins Spiel kommen. Die Kamera wandelt sich vom Werkzeug des persönlichen Ausdrucks zum Arbeitsgerät für erfolgversprechende Zwecke. In einer Zeit, in der täglich Milliarden Bilder produziert werden, entsteht zudem schnell ein Gefühl der Bedeutungslosigkeit. Der Gedanke, dass jedes Motiv ohnehin schon tausendfach und technisch perfekt abgelichtet wurde, lähmt die eigenen Bemühungen. Gleichzeitig steigen die persönlichen Qualitätsansprüche. Die Leichtigkeit früherer Jahre, in denen das unbeschwerte Ausprobieren im Vordergrund stand, weicht einem Perfektionismus, der Fehler kaum mehr zulässt. Der Abstand zur Kamera, den man beim fotografischen Burnout wahrnimmt, ist ein Symptom dafür, dass sich die Beziehung zum Medium verändert.
Schon Susan Sontag hatte in Über Fotografie darauf hingewiesen, dass die permanente Bilderflut die Wahrnehmung abstumpft, und Vilém Flusser beschrieb in seiner Philosophie der Fotografie die Übermacht der kamerainternen Programme. Oft schleicht sich auch eine Ermüdung hinsichtlich der wiederkehrenden Abläufe ein, von der technischen Vorbereitung über die Ausrüstungsschlepperei bis hin zum RAW-Sortieren und der Nachbearbeitung am Bildschirm. Und wer alle Kamerafunktionen auf Automatik stellt und die Dinge dem Programm überlässt, darf sich nicht wundern, wenn eigene Entscheidungen keine große Rolle mehr spielen. Hinzu kommt, dass die KI eine Flut makelloser, hyperrealistischer Bilder ins Netz schwemmt. Das Wissen, dass eine aufwändige Reise oder stundenlanges Warten auf das perfekte Licht durch einen kurzen Text-Prompt ersetzt werden können, untergräbt die gefühlte Wertigkeit des eigenen Aufwands. Wenn ein Betrachter dann als Erstes fragt, ob es sich bei einer Fotografie um ein KI-Bild handelt, verliert das Festhalten eines echten Augenblicks endgültig seine Bedeutung. Der dokumentarische Wert einer Fotografie gerät ins Wanken. Wenn alles spektakulär aussieht, aber vielleicht ein Fake ist, wird das wirklich Spektakuläre belanglos.
Was tun? Wer nicht professionell arbeitet, um mit der Fotografie Geld zu verdienen, könnte den Prozess des Fotografierens wieder deutlicher als ein spannendes Erlebnis begreifen. Dabei mag ein Unterbrechen der eingeübten Routinen hilfreich sein. Und warum nicht auf den Zwang verzichten, heute unbedingt ein Foto für das eigene Portfolio schießen zu müssen. Ein Ignorieren der Social-Media-Logiken wäre auch keine schlechte Übung. Im Übrigen hilft die Erinnerung daran, dass so manche Ermüdungserscheinung nach einer Phase der Erholung wieder abklingt.