Fotografinnen der Moderne
Frauen spielten im Umfeld des Bauhauses eine stärkere Rolle, als dies lange Zeit in der Kunstgeschichtsschreibung sichtbar wurde. Die Fotografie entwickelte sich in den 1920er Jahren zu einem experimentellen Feld, in dem jedoch auch Fotografinnen prägend wirkten. Die Ausstellung Neue Frau, Neues Sehen. Die Bauhaus-Fotografinnen des Bauhaus-Archivs im Museum für Fotografie in Berlin macht dies deutlich. Einige der gezeigten Fotografien sind als Dokumente der Bauhaus-Ästhetik zwar bekannt, nicht immer jedoch ihre Urheberinnen.
In der eher kunsthandwerklich orientierten Weimarer Phase des Bauhauses bis 1925 spielte die Fotografie eine untergeordnete Rolle und insbesondere Frauen hatten wenig Zugang zur fotografischen Praxis. Offiziell propagierte man Gleichberechtigung, Frauen lernten jedoch in der Regel in den als typisch weiblich etikettierten Werkstätten wie etwa der Weberei. Dennoch bot die Fotografie mitunter eine Art Ausweich- und Experimentierfeld, selbst wenn es zu jener Zeit noch keinen solchen Ausbildungsgang am Bauhaus gab. In Dessau gewann die Fotografie zwischen 1925–1932 dann mit der stärkeren Ausrichtung auf Technik und industrielle Fertigung an Bedeutung. Durch Bauhäusler wie Walter Peterhans und László Moholy-Nagy, beide mit unterschiedlichen Ansätzen zwischen technischer Perfektion und Experiment, wurde sie zentral für die visuelle Kommunikation, ein Umfeld, in dem nun auch Fotografinnen sichtbarer wurden.
Das Museum für Fotografie erinnert an deren Beiträge. So gilt Lucia Moholy als eine der Schlüsselfiguren für die visuelle Außendarstellung des Bauhauses. Auch Gropius wusste dies zu schätzen. Ihre ikonisch gewordenen präzisen Aufnahmen der Architektur des neuen Lehrgebäudes sowie von Gebrauchsobjekten des Bauhauses prägen bis heute das Bild der Moderne. Stilistisch folgen sie der Neuen Sachlichkeit mit deutlichen Linien und Kontrasten sowie einer funktionalen Perspektive. Eine strenge Komposition mit klaren Achsen, oft frontal oder leicht erhöht und ohne Zufälligkeit, dazu ein Verzicht auf emotionale Inszenierungen sowie ein kontrolliertes Licht zur Betonung von Material und Struktur sind Ausdruck einer rationalen Bildsprache. Diese wirkt wie ein visueller Beleg für die Ideale des Bauhauses: Ordnung, Klarheit, Funktion. Der Beitrag Lucia Moholy. Eine Schattengeschichte auf fotosinn hat sich bereits früher mit ihrer Geschichte und Bedeutung befasst, weitergehender, als dies in der Ausstellung zum Ausdruck kommt.
Florence Henri, auch sie wird im Museum für Fotografie mit zahlreichen Arbeiten gewürdigt,verband Fotografie mit abstrakter Kunst. Dabei nutzte sie geometrische Kompositionen sowie ungewöhnliche Perspektiven und bewegte sich nahe an den experimentellen Ansätzen der Bauhaus-Lehrer, insbesondere Moholy-Nagys, selbst wenn sie nicht dauerhaft Teil der Institution war. Henri arbeitete im Grenzbereich zwischen Fotografie und Konstruktivismus. Der Einsatz von Spiegeln zur Vervielfachung und Brechung des Raums, die Reduktion auf Linien, Kreise, und Rechtecke, die gleichzeitige Darstellung verschiedener Blickwinkel sowie eine Auflösung der Trennung zwischen Objekt und Raum fordern die Wahrnehmung und verschieben die Fotografie in Richtung abstrakter Bildkonstruktionen.
Gertrud Arndt arbeitete ursprünglich in der Weberei und wandte sich später der Fotografie zu. Bedeutsam sind ihre inszenierten Selbstporträts, mit denen sie Fragen von Identität und weiblichen Rollenbildern untersuchte. Dies lässt sich als ein früher Beitrag zur konzeptuellen Fotografie und der Gender-Thematik verstehen. Dabei nutzte sie auch den eigenen Körper als Motiv. Rollenspiele in Form von Maskenporträts, Wiederholungen ähnlicher Motive mit kleinen Veränderungen sowie der spielerische Umgang mit weiblichen Rollenbildern wirken mitunter wie eine Vorwegnahme der Arbeiten von Cindy Sherman.
Marianne Brandt wurde zunächst vor allem als Metallgestalterin bekannt. Später setzte sie die Fotografie ein, etwa in Fotomontagen und mit ungewöhnlichen Perspektiven. Konstruktive Prinzipien des Bauhauses übertrug sie auf die Fotografie. Dazu gehörten die Kombination heterogener Bildelemente, ungewöhnliche Perspektiven mit Aufsicht, Untersicht und extremen Ausschnitten, die Spannung zwischen Fläche und Tiefe sowie Themen wie Maschinen, Alltagsobjekte und Reflexionen.
Moholy, Henri, Arndt und Brandt sind hier stellvertretend für die in der Ausstellung Gezeigten genannt. Sie und die anderen entwickelten im Umfeld des Bauhauses keine einheitliche weibliche Bildsprache, sondern verschiedene, oft innovative Ansätze. Aber trotz der Unterschiede lassen sich gemeinsame Linien erkennen. Deutlich ist die kompromisslose Abkehr vom traditionellen Piktorialismus der malereiorientierten Fotografie der Jahrhundertwende hin zu Klarheit und Experiment. Hinzu kommen die interdisziplinäre Verbindung der Fotografie mit Design, Bühne und Architektur. Die Themen Licht, Perspektive und Reproduktionstechnik bedeuteten im Übrigen eine Reflexion des Mediums Fotografie. In der Summe wurde so die Praxis am Bauhaus von der technischen Präzision hin zur radikalen Bildkonstruktion und performativen Selbstbefragungen durch Fotografinnen erweitert.
Die Ausstellung Neue Frau, Neues Sehen. Die Bauhaus-Fotografinnen ist noch bis zum 04.10.2026 im Museum für Fotografie in Berlin zu sehen. Absolut begrüßenswert, dass man im Bauhaus Archiv die eigenen Bestände neu gesichtet hat. Ergänzt wird die Ausstellung im Übrigen durch Werke von Künstlerinnen des Institute of Design in Chicago, der amerikanischen Nachfolgeinstitution des Bauhauses, sowie durch einige Arbeiten zeitgenössischer Künstlerinnen.