Fotografische Bilder im medialen Strukturwandel

Fotografien sind feste Bestandteile der Medienwirklichkeit. Trotz Videos aller Art behaupten sie ihren Platz in Zeitungen und Zeitschriften, in den digitalen Netzwerken und auf Smartphones. Nicht nur für die schnelle Konsumtion. Indirekt können sie auch zum politischen Willensbildungsprozesse beitragen. Mit Bildern wird Politik gemacht. Das ist keine neue Erkenntnis. Dennoch stellt sich die Frage, ob mit der Digitalisierung der Medienlandschaft eine neue Qualität der Funktion fotografischer Bilder einhergeht.

Im Jahr 1962, also in vordigitaler Zeit, erschien von Jürgen Habermas der soziologische Klassiker Strukturwandel der Öffentlichkeit. Zentrales Thema war der Veränderungsprozess der öffentlichen Kommunikation zu einem von Massenmedien geprägten Raum. Öffentlichkeit wird dabei als eine Instanz zur Vermittlung sozial relevanter Themen und deren Beurteilung durch die Zivilgesellschaft in Richtung der politischen Macht verstanden. Journalistische Medien, in den 1960er Jahren waren das vor allem Zeitungen, Zeitschriften und das öffentlich-rechtliche Fernsehen, spielten eine maßgebliche Rolle. Sie trugen wesentlich zur Formung politischer Willensbildungen bei.

Sechzig Jahre später legte Habermas mit dem Band Ein neuer Strukturwandel der Öffentlichkeit und die deliberative Politik nach. Die universell verbreitete Digitalisierung, die Wirkung beherrschender Netzmedien und das veränderte Nutzerverhalten veranlassten ihn, die ursprünglichen Thesen weiterzuentwickeln. Vor allem zeigt sich, dass die Struktur der zivilgesellschaftlichen und politischen Kommunikation heute eine andere ist als vor sechs Jahrzehnten. Dies hat nicht zuletzt mit der abnehmenden Bedeutung der klassischen journalistischen Medien zu tun. Die Auflagen der Tageszeitungen gehen zurück, die Nutzung des linearen Fernsehens als Informationsmedium ebenso. Hinzu kommen eine Beschleunigung, Emotionalisierung und Polarisierung der politischen Kommunikation sowie die Zunahme von Desinformation, Hassreden und algorithmisch getunten Beiträgen in den sogenannten Sozialen Netzen.

Diese Entwicklung tangiert unmittelbar das Potential der Öffentlichkeit als Diskursraum für die demokratische Willensbildung. Die Dinge werden gröber, die Auseinandersetzungen holzschnittartiger. Mit gravierenden Folgen, denn die Akzeptanz politischer Institutionen kann nur bei einem funktionierenden argumentativen Austausch zwischen der Politik und den Bürgern der Zivilgesellschaft aufrechterhalten werden. Wahlen allein genügen da nicht. Die Stabilität demokratischer Politik hängt auch von diskursorientierten medialen Informationsbeiträgen ab. Lässt deren journalistische Substanz qualitativ nach, kann dies unmittelbare Auswirkungen auf das politische System haben. Deshalb muss es alarmieren, wenn auf den digitalen Plattformen gezielt inszenierte Falschinformationen sowie echoartig sich verbreitende Verschwörungsgeschichten zur Entstehung eines generalisierten Unwillens gegenüber dem demokratischen Verfassungsstaat und seinen Organen beitragen. Von manchen Akteuren im Medienbetrieb wird allerdings in destruktiver Absicht genau dies angestrebt.

Gleichwohl ist die Entwicklung differenziert zu beurteilen. Digitale Medien eröffnen aufgrund niedriger Zugangshürden neue Möglichkeiten für soziale Bewegungen und deren zivilgesellschaftliche Einflussnahme. Dies ist demokratietheoretisch positiv zu bewerten, kann jedoch nicht die Zersplitterung von Diskursräumen in Filterblasen und Echokammern kompensieren. Auf Verständigung abzielende, demokratische Aushandlungsprozesse geraten durch diese unter Druck. Soll dem entgegengewirkt werden, müssen die Kompetenzen im kritischen Umgang mit Medien gestärkt sowie rechtliche Maßnahmen gegen strategisch platzierte Lügenbeiträge und Hassreden ergriffen werden. Gleichzeitig gilt es, gegen die Marktbeherrschung einiger weniger Plattformbetreiber vorzugehen und den Bestand unabhängiger, öffentlich finanzierter Medienanstalten abzusichern. Populistische Strategen, die dies verhindern wollen und demokratische Aushandlungsprozesse offen ablehnen, kämpfen deshalb unter der Fahne vermeintlicher Meinungsfreiheit gezielt und mit erheblichem Getöse gegen die rechtliche Unterbindung von Falschinformationen einerseits sowie gegen öffentlich-rechtliche Medien andererseits. In die gleiche Richtung zielt der US-amerikanische Widerstand gegen den Digital Service Act, mit dem die Betreiber der Plattformen auf die in Europa geltenden Rechtsvorschriften verpflichtet werden sollen.

Es stellt sich nun die Frage, ob und wie eine solche Analyse auf eine Fotografie übertragbar ist, deren mediale Präsentation gesellschaftlicher Sachverhalte sich im Analogieschluss als visuelle Erscheinungsform von Öffentlichkeit verstehen lässt. Diskursräume werden in der Alltagswahrnehmung nicht nur durch Wortbeiträge geformt, sondern auch durch Bilder. Sprachlich geht es um Argumente und deren Tragfähigkeit, visuell um Sichtbarkeit, affektive Zuschreibungen und die ikonische Verdichtung von Sachverhalten. Neutrale Zurückhaltung wird von Fotografien nicht unbedingt erwartet. Oft zielen sie direkt auf die emotionale Wahrnehmung des Betrachters. Fotografien markieren relevante oder relevant gemachte Themen auf unmittelbar affektive Weise, ohne dass Neutralität oder Wahrhaftigkeit verlangt wird.

Dies ist an sich keine neue Entwicklung und galt auch schon beim Erscheinen des Buches von Habermas zum Strukturwandel der Öffentlichkeit im Jahr 1962. Geändert haben sich die Dinge jedoch mit der Digitalisierung, insbesondere hinsichtlich der Wirkung netzbasierter Sozialer Medien. Fotografien sind hier oftmals die zentralen Treiber affektiver Botschaften. Sie produzieren keine Argumente im strengen Sinn, sind aber an der Strukturierung der Bedingungen beteiligt, unter denen politische Argumente entstehen. Sie können Aufmerksamkeit, Emotion sowie Wahrnehmung präformieren und beeinflussen auf diese Weise den öffentlichen Diskurs. Im Übrigen begünstigen die durch ökonomische Interessen der Betreiber getriggerten Algorithmen der Sozialen Medien Shitstorms und sensationslüsterne Lügenkampagnen, auch hier häufig unterfüttert mit Bildern. Das Geschäftsmodell der Plattformen nutzt die Empörungsbereitschaft der Nutzer als Aufmerksamkeitsmotor … und macht damit eine Menge Geld. Die Sichtbarkeitsselektion durch Algorithmen sowie die Quantifizierung des Nutzerverhaltens in Gestalt von Likes und Shares tragen dazu bei, ebenso die Influencer-Ökonomie und professionelle Branding-Praktiken. Stets geht es um Aufmerksamkeitsdominanz statt sprachlicher Argumentation. Fotografien sind deshalb als visuelles Treibmittel nahezu immer beteiligt. Sie sind kein harmloses Beiwerk medialer Kommunikation, sondern aufgrund ihrer affektiven Potentiale ernstzunehmende Elemente im Kampf um die öffentliche Meinungsdominanz. Fakten werden dabei schnell zweitrangig. Und von fotografisch aussehenden, KI-erzeugten Deepfakes ist dabei noch gar nicht die Rede.

Das Buch Strukturwandel der Öffentlichkeit von Jürgen Habermas erschien in der ersten Auflage 1962 bei Suhrkamp. Der Nachfolger Ein neuer Strukturwandel der Öffentlichkeit und die deliberative Politik 2022 im gleichen Verlag.

 

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