Das Universum technischer Bilder
Die gegenwärtige künstlerische Fotografie erscheint wie in wachsamer Beobachtungshaltung. Kaum eine andere Kunstform ist derart tief in die Alltagskultur eingesickert und zugleich bemüht, sich von dieser abzusetzen. Fotografische Bilder sind allgegenwärtig. Sie strömen aus Smartphones, sozialen Netzwerken, Überwachungssystemen, Werbedisplays und aus den Netzen künstlicher Intelligenzen. Dennoch oder gerade deshalb insistiert die künstlerische Fotografie darauf, mehr zu sein als nur ein Teil des Bilderrauschens. Sie versteht sich als Reflexionsraum, als ästhetische Denkform, als Ort der Verlangsamung und nicht zuletzt als Teil eines Kunstmarktes, der zwischen Demokratisierung und Elitärem oszilliert.
Auffällig ist die Betonung des Narrativen. In Gegenposition zur teils hermetisch auf sich selbst bezogenen Fotografie mit klassischem Tafelbildanspruch ist eine Hinwendung zum Erzählerischen im kleineren Format zu verzeichnen, wenn auch nicht im Sinne linearer Geschichten, sondern in Form visueller Essays und fragmentierter Bildfolgen, die gesellschaftliche, politische und ökologische Themen verhandeln. Oftmals stehen Migration und Rassismus, der Klimawandel, Postkoloniales sowie Fragen von Identität und sozialer Zugehörigkeit im Zentrum. Die Fotografien Philip Montgomerys, kürzlich im Blogbeitrag Amerika – Quo vadis? gewürdigt, stehen für einen solchen Ansatz. Sie sind an der Grenze zwischen Dokumentation und Kunst positioniert. Die Fotografie fungiert hier als Erkenntnisinstrument, nicht nur als Abbild.
Parallel dazu ist in der fotografischen Kunstszene eine Auseinandersetzung mit der Materialität zu beobachten. Die Fotografie verlässt die glatte Oberfläche des klassischen Prints und wird skulptural, objekthaft, raumgreifend. Collagen, Übermalungen, chemische Manipulationen, Einbettungen in andere Materialien und Installationen prägen zahlreiche Ausstellungen. Diese Arbeiten sind nicht zuletzt als Gegenbewegung zur digitalen Immaterialität zu lesen. In einer Welt, in der Bilder jederzeit kopierbar und verlustfrei reproduzierbar sind, wird das physische Objekt zum Träger von Bedeutung. Der fotosinn Essay Fotografie als Skulptur hatte sich schon vor einiger Zeit damit befasst.
Eng damit verbunden ist die Selbstreflexion des Mediums. Die künstlerische Fotografie beschäftigt sich mit ihren eigenen Bedingungen, mit Fragen von Authentizität, Wahrheit, Manipulation und Konstruktion von Realität. In einer Bilderwelt, die von Algorithmen, Filtern und automatisierten Produkten dominiert wird, erscheint der fotografische Akt als fragwürdig geworden bzw. als etwas zu Hinterfragendes. Die KI wirkt dabei als Katalysator. Sie schärft das Bewusstsein für technische Rahmenbedingungen, Prozesse und die Autorschaft. Manche Fotografinnen und Fotografen reagieren mit einer Rückbesinnung auf das Handwerkliche, Analoge und mit der Schaffung von Unikaten, etwa Polaroids. Andere akzeptieren und integrieren die KI bei der Bildbearbeitung wie selbstverständlich als Werkzeug hybrider Arbeitsprozesse. Der fotografische Kern wird dabei nicht aufgegeben, die Trennung zwischen Fotografie und KI-Artefakten bleibt erhalten.
So gleicht die gegenwärtige Fotografie in gewisser Weise einem Paradoxon. Sie ist das demokratischste aller Medien und zugleich ein elitäres Segment des Kunstmarktes. Zwischen den millionenschweren Werken Gurskys oder den identitätspolitischen Inszenierungen Shermans auf der einen Seite, den gesellschaftlichen Erkundungen künstlerisch orientierter Dokumentarfotografien wie bei Philip Montgomery, materiellen Experimenten und algorithmischen Erzeugnissen der KI auf der anderen Seite sucht sie ihren Platz. Oder in Anlehnung an Vilém Flusser: Sie ist bemüht, das Universum technischer Bilder nicht nur zu bereichern, sondern kritisch zu dechiffrieren. In dieser Dekodierungsarbeit mag ihre Zukunft liegen als eine Kunstform im Austausch mit der Realität, die sie einfängt, und Fiktionen, die sie hervorbringt.
Mit der Zukunft der künstlerischen Fotografie befasst sich auch Stefan Gronert im aktuellen Sprengel-Blog.