Kulturexport durch Sprachmaschinen
In seinem Buch Sprachmaschinen. Eine Philosophie der künstlichen Intelligenz wirft der Medienphilosoph Roberto Simanowski einen ambivalenten Blick auf das Zeitalter von ChatGPT, Gemini und Co. Aber anstatt dabei in den gängigen apokalyptischen Alarmismus hinsichtlich einer vielleicht unkontrollierbar werdenden KI einzustimmen, untersucht er die subtilen Verschiebungen in unserer Kultur und unserem Denken. Die Sprachmaschinen selbst denken nicht. Sie besitzen kein Bewusstsein im herkömmlichen Sinne, keine eigene Überzeugung und keine Lebenserfahrung. Wenn eine KI spricht, betreibt sie Statistik und ermittelt die Wahrscheinlichkeit von Wortfolgen, basierend auf den Textmengen, mit denen sie trainiert wurde. Wahrheit und Relevanz sind für sie ein Produkt mathematischer Häufigkeiten. Soweit sind die Dinge bekannt.
Eine der zentralen Thesen des Buches bezieht sich auf den schleichenden Verlust der menschlichen Autonomie. Indem uns die Sprachmaschine das Suchen, Lesen und Formulieren abnimmt, nutzen wir eine Kompetenz, die wir selbst verlernen. Anstatt mit eigenem Geist in Texte einzutauchen und deren Inhalte gedanklich zu strukturieren, liefert uns die KI eine fertige Synthese. Diese ist allerdings alles andere als neutral oder voraussetzungsfrei. Dass sie direkt abhängig ist vom verwendeten Trainingsmaterial und dem kulturellen Umfeld, dem es entstammt, leuchtet unmittelbar ein. Aber das ist noch nicht alles. Insbesondere ethisch aufgeladene Fragen etwa zu den Themen Homosexualität, Diversität oder Schwangerschaftsabbruch, dies nur ein paar Beispiele, werden von den marktbeherrschenden KI-Maschinen überwiegend auf der Basis eines westlichen Kulturverständnisses abgehandelt. Exportiert werden die Ergebnisse dann weltweit, übersetzt in die jeweilige Landessprache. Simanowski widmet der Verflechtung von Technologie, Geopolitik und Kultur ein eigenes, kritisches Kapitel. Seine These eines digitalen Neokolonialismus` besagt, dass die Künstliche Intelligenz als eine Art Missionar agiert. Im Kern geht es vor dem Hintergrund derAsymmetrien zwischen dem Globalen Norden und dem Globalen Süden um einen Kulturexportdurch Software. Hinzufügen ließe sich allerdings, dass Ähnliches für die Übertragung US-amerikanischen Denkens auf Europa gilt. Gegenwärtig gibt es da ja einige Unterschiede.
Nicht ohne Bedeutung ist es, dass die Tech-Konzerne bei bestimmten Themen mittels Fine-Tuning regulierend eingreifen. Jeder Nutzeranfrage an die KI werden, ohne dass wir dies im Detail wissen, regelhaft unsichtbare Prämissen vorangestellt, die bestimmte Antworten ausschließen oder mit normativen Vorgaben versehen. So wird man ohne Tricksereien, die jedoch durchaus möglich sind, kaum eine Antwort auf die Frage nach einer Bauanleitung für Massenvernichtungswaffen erhalten. Das ist auch gut so! Aber das Fine-Tuning geht weiter und umfasst Fragestellungen jenseits von Faktenrecherchen. Auch rassistische oder andere diskriminierende Antworten sind nicht zu erwarten. Sie werden durch entsprechende Voreinstellungen geblockt. Das ist vor dem Hintergrund eines liberalen Kulturverständnisses zu begrüßen, birgt aber grundsätzlich auch Gefahren in sich, denn die verborgen bleibende Vorprogrammierung findet in den Hinterzimmern der Tech-Giganten statt und ersetzt den demokratischen Diskurs durch Algorithmen. Die Sprachmaschinen verbreiten die Werte ihrer Entwickler. Diese sind vorwiegend westlich-liberal und von ökonomischen Interessen getriggert. Wem diese Werte als weltweit erstrebenswert erscheinen, mag damit ja auch einverstanden sein. Philosophisch, sozialwissenschaftlich oder politisch betrachtet, ist ein solcher Bias dennoch allemal problematisch. Im Übrigen gibt es keine Garantie dafür, dass in die Antworten der KI nicht eines Tages auch antiliberale und autoritative Vorgaben einfließen, die wir nicht bemerken. Versuche dieser Art gab es bereits, wie Simanowski anmerkt.
Neben der Herkunft und der Qualität des verwendeten Trainingsmaterials eröffnet die Vorprogrammierung im Fine-Tuning die Möglichkeit normativer Beeinflussungen mit Akzenten aus dem Silicon Valley. Was als hilfreich oder aber als unerwünscht gilt, wird nicht in demokratischen, globalen Diskursen verhandelt, sondern von einer kleinen Gruppe von Entwicklern und Konzernchefs bestimmt. Wo früher koloniale Mächte ihre Werte, Gesetze und Religionen per Schiff und Missionaren exportierten, geschieht dies heute über die Benutzeroberflächen von Chatbots. Dem Nutzer wird eine universelle, vermeintlich objektive Antwort auf seine Fragen offeriert, die jedoch nichts anderes ist als Produkt nüchterner Statistik, gepaart mit kalifornischer Konzernmoral. Dass sich diese in Zeiten der aktuellen US-amerikanischen Politik als vulnerabel und anpassungsfähig erweist, ist eine andere Geschichte.
Simanowski plädiert für eine Maschine, die der Mehrdeutigkeit der Welt Rechnung trägt. Sie sollte nicht eine vermeintlich objektive Antwort ausspucken, sondern von sich aus darauf hinweisen, dass man bestimmte, insbesondere normative Dinge auch anders sehen kann. KI-Modelle müssten, so Simanowski, regional und kulturell divers trainiert und programmiert werden, um die tatsächlichen ethischen und sozialen Realitäten vor Ort widerzuspiegeln. Eine weltweit eingesetzte Sprachmaschine dürfe nicht so tun, als gäbe es nur eine einzige Antwort auf wertebasierte Fragen. Sie sollte verschiedene kulturelle und politische Perspektiven anbieten und Ambiguitäten zulassen, statt global die Weltsicht einer spezifischen geopolitischen Machtmatrix auszurollen. Solange dies nicht der Fall ist, bleibt dem Nutzer nur die Möglichkeit, die KI mit Nachfragen zu traktieren, bis sie Antworten offeriert, die bestimmte Dinge zum Beispiel auch aus der Perspektive einer gesellschaftlichen Minderheit betrachten. Dazu bedarf es allerdings einer Medienkompetenz hinsichtlich des Wissens, wie die KI funktioniert.
Die hier angeschnittenen Aspekte zur Frage eines latenten Kulturexports durch KI-Maschinen bilden nur einen Ausschnitt des Buches. Dieses bietet weit mehr und ist allen zu empfehlen, die sich mit Fragen rund um die Künstliche Intelligenz beschäftigen. Im Buch finden sich viele Argumente, die sowohl auf die bereichernden Möglichkeiten der Sprachmaschinen hinweisen wie auch auf ihre Tücken und Gefahren. Das alles ist auch für Leser und Leserinnen ohne philosophischem und technischem Insiderwissen verständlich geschrieben. Aufmerksam lesen sollte man/frau aber schon. Schließlich muss es bekömmlich verdaut werden. Deshalb der Hinweis: Wer sich den Inhalt des Buches von einer KI zusammenfassen und vorkauen lässt, erzeugt genau eines der Probleme, um die es in dem Essay geht.
Roberto Simanowskis Sprachmaschinen. Eine Philosophie der Künstlichen Intelligenz ist brillant geschrieben und bleibt nicht bei der Frage stehen, was die Technik leisten kann und ob sie uns eines Tages über den Kopf wächst, sondern was sie mit unserem Denken macht. Wesentliche Beeinflussungen finden heute schließlich über das Internet statt. Dessen latente, unterschwellige KI-Mechanismen sind wirkungsvoller als der offenkundige Manipulationsmist in den sogenannten Sozialen Medien.
Sehr lesenswert ist im Übrigen ein Selbsterfahrungsbericht von Yves Bellinghausen in der aktuellen ZEIT 26/2026 mit dem Titel Ich habe mich selbst als KI nachgebaut. Sieht nicht gut aus für mich. Der Autor hat versuchsweise einen KI-Agenten geschaffen, der eigenständig in seinem Auftrag Interviews führte. Die Ergebnisse wiesen zwar noch einige Mängel auf, die sich aber in Zukunft mit großer Wahrscheinlichkeit minimieren lassen. Wir werden es jedenfalls mehr und mehr mit Sprachmaschinen zu tun haben, die gar nicht so beschränkt sind, wie wir heute vielleicht noch meinen.