Neu interpretiert: Die Sieben Todsünden

Es sieht ziemlich brachial aus, was das Video da zeigt. Ein Lobster wird mit einem kräftigen Knack und weiteren Attacken zerlegt. Spezialbesteck kommt zum Einsatz, um ein wenig Fleisch aus dem Panzer herauszupulen. Fettige Finger zeugen vom Archaischen des Vorgangs. Ort der Präsentation des Videos von Marie Lynn Speckert ist das Archiv der Avantgarden in Dresden. Die Ausstellung Sieben Sünden. Kunst zwischen Versuchung und Widerstand befasst sich mit der Frage, wie das alte Konzept der Sieben Todsünden in der Kunst reflektiert wird. Den Tod bei den Sünden hat man in Dresden beim Ausstellungstitel weggelassen, aber das macht nichts. Im Vordergrund steht Zeitgenössisches, jedoch auch der Bezug auf Älteres fehlt nicht, wie Werke aus dem 16. Jahrhundert zeigen. Stolz, Gier, Lust, Neid, Völlerei, Zorn und Trägheit waren schon immer ein Thema der Kunst. 

Ergänzt wird das Ganze durch Audiocollagen, die dazu einladen, positive wie negative Aspekte des alten christlichen Sündenregisters neu zu reflektieren. Genau das macht die Sache interessant. Was können uns die Warnungen heute sagen? Ausgangspunkt der Ausstellung sind sieben Kupferstiche von Pieter van der Heyden, die in der Tradition von Hieronymus Bosch und Pieter Bruegel stehen. Fantastische Fabelwesen symbolisieren die verschiedenen moralischen Verfehlungen und ihre Folgen. Die weiteren Werke der Ausstellung entstammen dann der Moderne. Zum Thema Neid werden eine Videoarbeit von Jen DeNike gezeigt, in der zwei Jugendliche vermeintlich spielerisch um Dominanz ringen, sowie die Fotoarbeit Doppelporträt von Karin Geiger, das die Spannung zwischen Selbstwahrnehmung und einem meist kaum erreichbaren Ideal symbolisiert. Die Gier als zweite der Sünden wird durch Jürgen Matschies Serie Gut Geisendorf veranschaulicht, in der eine Begleiterscheinung des langjährigen Tagebaus in der Lausitz dokumentiert wird. Koloniale Gier zu Lasten anderer Kulturen wird vom kongolesischen Künstler Hilary Balu nicht ohne Ironie als Skulptur dargestellt. Zur Völlerei gehören das oben erwähnte Video Lobster sowie eine dokumentierte Performance von Christian Jankowski mit dem Titel Die Jagd, die das Einkaufsverhalten im Supermarkt auf die Schippe nimmt. Zorn in seiner Eigenschaft als Wut zeigt sich in einem Dokumentarfilm von Thomas Heise, in dem frustrierte Jugendliche bei rechten Ideologien und rassistischer Gewalt ein Ventil suchen. Wut kann jedoch auch produktiv wirken und gesellschaftliche Veränderungen anstoßen. Monica Bonvinci zeigt dies mit einem feministisch inspirierten Siebdruck. Mit der Trägheit als weiterer der Sünden wird es kompliziert. Für einen außenstehenden Betrachter ist es mitunter schwer zu beurteilen, ob ein bestimmtes Verhalten Ausdruck von Faulheit oder von Kontemplation darstellt. Arbeiten von Colette Lumiere und Timo Hinze befassen sich mit Erscheinungsformen der Trägheit. Die Lust wurde im Kontext des Sündenkanons schon immer als sexuell konnotierte Wollust verstanden. Auch hierzu zeigt die Ausstellung Beispiele. Im übertragenen Sinne geht es um Konsumlust. Stolz beziehungsweise Hochmut sind ebenfalls alltägliche Erscheinungsformen heutiger Gesellschaften. Das kann sich im kriegerischen Geschehen äußern, wie schon eine Radierung von Otto Dix zeigte, oder in Gestalt radikaler Überlegenheitsphantasien gegenüber Menschen anderer Kulturen. 

Das in der Ausstellung angebotene Begleitheft ist als Ergänzung und Erläuterung zu den ausgewählten Werken zu empfehlen. In ihm geht es nicht zuletzt um die Frage, was wir aus den Dingen lernen können. Die Kritik an der Kunstwirtschaft und Konsumwelt wird thematisiert, aber auch die Auseinandersetzung mit dem einzelnen Kunstwerk. Die künstlerischen Positionen, so das Heft, die in dieser Ausstellung versammelt sind, konfrontieren uns ... mit der Frage, ob wir diesen „zeitgenössischen Sünden“ widerstehen oder uns von ihnen in Versuchung führen lassen. Die Realität liegt wohl irgendwo dazwischen.

Ein Beitrag auf fotosinn hatte sich schon vor einiger Zeit mit dem Thema befasst. Die Anmerkungen zu den Sieben Todsünden kamen zu einem ähnlichen Schluss wie die Ausstellung in Dresden. Das alte Kirchenkonzept der Sieben Todsünden weist, so der damalige fotosinn-Beitrag, zahlreiche Unschärfen und Ambivalenzen auf. Vor allem jedoch hindert der antiquiert wirkende Beiklang so manchen daran, sich näher mit HochmutNeidZornTrägheitGeizVöllerei oder der Ausschweifung zu befassen. Die Begrifflichkeiten scheinen zu sehr mit Vorstellungen eines Fegefeuers verbunden, als dass sie zu einer diskursiven Beschäftigung einladen. Subkutane Abwehrhaltungen erschweren oder verhindern oftmals eine inhaltliche Reflexion. Mit mittelalterlichen Kirchendogmen, mit Sünde und Teufel will man nichts mehr zu tun haben. Dabei wird übersehen, dass in Teilen der Gegenwartskultur bestimmte Elemente dieser Normen weiterhin eine Rolle spielen. Dass es dabei auch zu einer Umkehrung der Verbote in ihr Gegenteil kommt, macht die Sache nicht einfacher. Die sogenannten Todsünden lassen sich durchaus modern interpretieren und sind nicht nur Schnee von gestern. Die Schau in Dresden macht das deutlich.

Die Ausstellung ist noch bis zum 06. September des Jahres im Archiv der Avantgarden – Egidio Marzona (ADA) als Teil der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden zu sehen. Der in Bielefeld geborene und in diesem Jahr verstorbene Kunstsammler und Mäzen Marzona hat das Museum maßgeblich gefördert und im Übrigen seine Sammlung zur Kunst des 20. Jahrhunderts den staatlichen Museen in Dresden und Berlin zur Verfügung gestellt. 

Was noch zu erwähnen wäre: Das Archiv der Avantgarden zeigt in seinem Obergeschoss eine schöne Sammlung von Katalogen und Schriften zur Kunst der Moderne. Ein sehr freundlicher Mitarbeiter sucht gerne Titel heraus, die für den Besucher interessant sein könnten. Wer sich in Dresden nicht nur für die bekannten Highlights der Stadt und die etablierten Museen interessiert, findet hier eine Menge Anregungen zur zeitgenössischen Kunst seit Anfang des Zwanzigsten Jahrhunderts. 

 

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Skulptur und Fotografie