Skulptur und Fotografie

In ihren Anfangsjahren erschien die Fotografie kaum als eine ernst zu nehmende Konkurrenzveranstaltung zur etablierten Kunst. Es gab wenig Befürchtungen, das neue mechanische Verfahren könne die Rolle des Malers infrage stellen. Dies sollte sich aber bald ändern. In der Bildhauerei ging man hingegen unverkrampfter mit dem neuen Medium um. Die immanente Differenz der dreidimensional angelegten Raumkunst zu den Künsten der Fläche trug offenbar dazu bei, dass Konkurrenzphantasien gar nicht erst aufkamen. Man agierte auf unterschiedlichen Spielflächen und zeigte sich gegenüber der fotografischen Technik unbefangen. So befasste sich der eine oder andere Bildhauer schon früh mit der Frage, wo die Stärken der technischen Abbildung lagen und welchen Nutzen die Arbeit an der Skulptur daraus ziehen könnte. Hinzu kommt die dokumentierende Funktion der Fotografie. Skulpturen und Denkmäler waren schon immer ein Motiv für die Arbeit mit der Kamera. Die Ausstellung Fotografie erzählt Skulptur im Bode-Museum nimmt diesen letzten Aspekt auf, zeigt jedoch, dass es nicht bei einer vermeintlich objektiven Abbildung bleibt.

Die fotografische Darstellung kann höchst unterschiedlich ausfallen. Und da uns Skulpturen häufiger im Bild als im Original begegnen, bestimmt meist eine Fotografie, wie wir sie wahrnehmen und verstehen. Um dies deutlich zu machen, werden mehr als sechzig Abbildungen in Beziehung zu ausgewählten Skulpturen vom 11. bis zum 17. Jahrhundert gesetzt. Dabei wird die Bedeutung von fotografischer Lichtführung, Bildausschnitt und Perspektive analysiert. Durch solche Stilmittel werden die Skulpturen in bestimmter Weise inszeniert und interpretiert. 

Hatte es das Bode-Museum in der Gunst des Publikums schon immer etwas schwerer, sich mit seiner Sammlung, die im Übrigen nicht nur aus Skulpturen besteht, gegenüber den Exponaten der anderen Häuser der Museumsinsel zu behaupten, lädt die gegenwärtige Ausstellung zu einem neuen Blick ein. Das Ergebnis entstand in Zusammenarbeit mit Studierenden der Humboldt-Universität und wird in einem etwas versteckt gelegenen Raum des Bode-Museums präsentiert. 

Die ausgewählten Fotografien aus dem Archiv des Hauses machen die Interpretationsspielräume des fotografischen Bildes deutlich. Die gleiche Skulptur lässt sich dramatisch oder in flauer Beleuchtung darstellen. Details können hervorgehoben werden oder thematisch bedeutsame Elemente der Skulptur außerhalb des Bildrahmens bleiben. Kleine Figuren lassen sich als Fotografie ungleich größer darstellen. Ein Gesicht kann mitunter, je nach Aufnahmewinkel, einen offenen, skeptischen oder überraschten Ausdruck annehmen. Das alles ist keine Besonderheit der Skulpturenfotografie und lässt sich als Charakteristikum jeder Fotografie verallgemeinern. Diese ist immer auch Inszenierung von Wirklichkeit. 

Nimmt man neben dem in der Ausstellung des Bode-Museums Abgehandelten das gesamte Spektrum des Verhältnisses zwischen Fotografie und Skulptur in den Blick, zeigen sich weitere Aspekte. Insbesondere gilt dies, wenn man Skulpturen einbezieht, die nach Antike, Mittelalter und Renaissance entstanden. Die Moderne zeugt davon. Dies ist jedoch nicht mehr Thema der gegenwärtigen Ausstellung.

Der fototechnische Fortschritt hatte in den letzten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts zwei diametral entgegengesetzte, jedoch gleichermaßen bedeutsame Potentiale hervorgebracht. Die Langzeitbelichtung stellte sich nicht mehr nur als eine technikbedingte Notwendigkeit dar und erwies sich als geeignet zur Darstellung von Bewegung. Dynamische Objekte hinterließen Spuren, die neue Einsichten in die Phänomene von Raum und Zeit ermöglichten. Auf der anderen Seite hatte die Technik der Kurzzeitbelichtung erhebliche Fortschritte gemacht, so dass die Abbildung schnellster Bewegungsabläufe realisiert werden konnte. Dem eher trägen Auge überlegen, ergaben sich für die Wissenschaft und auch die Kunst Erkenntnisgewinne, die über traditionelle Sehgewohnheiten hinausführten.

Bildende Künstler und Bildhauer waren aufmerksam geworden, als der Fotograf Eadweard Muybridge in den 1870er Jahren die einzelnen Phasen der Bewegungsabläufe von Menschen und Tieren präzise darstellte. Wer sich als Künstler am Ideal einer naturalistischen Wiedergabe orientierte, konnte nun auf fotografische Vorlagen zurückgreifen und einen Bewegungsmoment exakter nachbilden. Die nachfolgende Generation ging einen Schritt weiter. Der Begriff der Bewegung wurde noch radikaler gefasst und es kam zur Ablösung vom statischen Realismusverständnis. Bewegung und Multiperspektivität wurden zu zentralen Begriffen der Zeit und ihrer Kunst. 

Zu den treibenden Kräften der künstlerischen Avantgarde zählten im zweiten Jahrzehnt des Zwanzigsten Jahrhunderts die Protagonisten des Italienischen Futurismus. Umberto Boccioni fasste 1914 dessen Programmatik in der Leitfrage zusammen, wie sich die Bildhauerkunst in Bewegung versetzen ließe. Anregungen fand er in den chronofotografischen Arbeiten des 19. Jahrhunderts. Boccioni waren sowohl die Bewegungsfotografien von Muybridge wie auch die dreidimensionalen Weiterentwicklungen Étienne-Jules Mareys vertraut, aber beide Ansätze, die Technik der fotografischen Sequenzaufnahme und auch Mareys darauf beruhenden Vogelflugskulpturen, erschienen ihm noch immer zu realistisch. Einige Fotografien Anton Giulio Bragaglias erwiesen sich da als besser geeignet. Durch Langzeitbelichtungen hatte dieser eine Serie dynamischer Bilder geschaffen, bei denen es weniger um die Person vor der Kamera an sich ging, sondern um das Prozesshafte ihrer Bewegung. Anders als bei der Sequenz- und Chronofotografie mit der Abgrenzung einzelner Phasen ergab sich eine konsequente Öffnung hin zur Bewegung. Der fließende Effekt erschien wichtiger als die Addition statischer Einzelmomente. Diesen Gedanken übertrug Boccioni künstlerisch in die dritte Dimension. Seine so entstandenen Skulpturen lassen sich mit kubistischen Gemälden Pablo Picassos oder, deutlicher noch, Francis Bacons vergleichen, der in den 1960er Jahren eine Serie mit impulsiven Körperdrehungen und suggestiven Bewegungswirkungen schuf. Boccionis Skulpturen hatten manches von dem vorweggenommen, indem sie die Synchrondarstellung mehrerer Perspektiven um den Prozess des Perspektivwechsels selbst erweiterten und die Bewegung erfassten, die sich während der Veränderung des Blickwinkels ergibt. Als imaginierte vierte Dimension der Skulptur war die Zeit hinzugekommen. Ohne die analytischen Hilfsmittel der Fotografie wäre das nicht möglich gewesen.

Eine weitergehende Befassung mit der Thematik, jedoch ohne Bezug auf die gegenwärtige Ausstellung im Bode-Museum, bietet der fotosinn-Essay Fotografie als Skulptur

Die Ausstellung Fotografie erzählt Skulptur im Bode-Museum ist noch bis zum 04. Oktober 2026 zu sehen. Ein Begleitband vertieft das Ganze aus verschiedenen theoretischen Perspektiven.

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