Porträt in Grautönen
Die Ausstellung Häuser und Gesichter. Halle 1983–85 im Kunstmuseum Moritzburg mit Fotografien von Helga Paris hätte eigentlich schon zu DDR-Zeiten stattfinden sollen. In der zweiten Hälfte der 1980er Jahre von der Fotografin konzipiert und vorbereitet, äußerten die zensierenden Kulturfunktionäre jedoch Vorbehalte und untersagten die Ausstellung. Zu heikel erschien ihnen der Blick auf die Wirklichkeit im sozialistischen Staat, denn die Gegend um Halle wies als eine der größten Industrieregionen der DDR einen ungerne gezeigten Grauschleier auf. Während man offiziell das Bild eines optimistischen Aufbaus zu vermitteln suchte, fotografierte Helga Paris unideologisch. Sie zeigte, was verschwiegen werden sollte, etwa den Verfall der historischen Altstadt, aber auch den Eigensinn der Menschen in ihren Alltagsnischen. So entstand das atmosphärisch dichte Porträt einer Stadt und ihrer Bewohnerinnen und Bewohner.
Helga Paris wurde 1938 im heute polnischen Gollnow geboren. Die Jugend verbrachte sie in Zossen bei Berlin. Es folgten ein Studium und später die autodidaktisch erlernte Tätigkeit als Fotografin. 1972 wurde sie Mitglied des Verbandes Bildender Künstler der DDR. 2011 beendete Paris die fotografische Tätigkeit und übergab 2019 ihr Negativarchiv der Akademie der Künste. Im Jahr 2024 starb sie im Alter von 85 Jahren.
Helga Paris gilt als bedeutende Chronistin des DDR-Alltags, wobei ihr Ansatz über die nüchterne Dokumentation hinausgeht. Stets schwingt Empathie für die Menschen mit. Auf den meisten Porträts blicken diese direkt in die Kamera. Auch das ein Ausdruck der Zugewandtheit der Fotografin, egal ob es sich um Müllmänner, Textilarbeiterinnen, Kneipengäste oder Punks handelte. Darüber hinaus hatte Paris einen Blick für Strukturen. Sie fotografierte bröckelnde Fassaden und von Einschusslöchern aus dem Zweiten Weltkrieg gezeichnete Altbauten im Prenzlauer Berg oder in Halle mit derselben Aufmerksamkeit wie die Gesichter der Menschen, die ungeachtet der grauen Umgebung nur selten entmutigt wirkten. Helga Paris betonte später, sie habe versucht, unvoreingenommen zu fotografieren, so als würde sie eine fremde Umgebung dokumentieren. Alles konsequent in Schwarz-Weiß. Paris wird heute neben Sibylle Bergemann und Evelyn Richter nicht nur als wichtige Fotografin der DDR-Wirklichkeit wahrgenommen, sondern als Vertreterin einer humanistischen Fotografie, die den Menschen ihre Individualität belässt.
Eine erste Ausstellung der Bilder aus Halle war erst im Jahr 1990 nach dem Mauerfall möglich. Die Fotografien aus den 1980er Jahren wurden darüber hinaus unter dem Titel Diva in Grau als Bildband veröffentlicht und hoch gelobt. Die gegenwärtige Ausstellung im Kunstmuseum Moritzburg und ihre vorangegangene Geschichte werden in verschiedenen Feuilletons gewürdigt. So erinnert die TAZ im Beitrag Etwas lag unterm verschütteten Gesicht daran, dass die Bilder den SED-Funktionären zu wirklichkeitsnah erschienen, und beschreibt die Serie als ein Porträt, dessen morbider Charme dem damaligen architektonischen Verfall der Saalestadt geschuldet war. Auch die FAZ ordnet die Schau historisch ein und weist auf die gleichzeitig im Literaturhaus Halle zu sehenden Fotografien von Konstanze Göbel mit dem Titel Halle im Umbruch 1987-1989 hin. Göbel hatte zu DDR-Zeiten vom Rat des Bezirks den Auftrag erhalten, als Gegenprogramm zu Helga Paris ein positives Bild der Stadt zu zeigen. Aus heutiger Sicht ergänzen sich beide Ansätze. Auch die Fotografien von Göbel mit Bildern von Gebäuden der Neubauprogramme sowie den Ansätzen zur Stadtsanierung zeigen einen Teil der damaligen Wirklichkeit.
Begleitend zu den Fotografien liegt im Kunstmuseum Moritzburg ein Informationsblatt mit den Straßennamen einiger der Aufnahmemotive aus. So lässt sich das eine oder andere wiedererkennen und man hört von meist älteren Besucherinnen und Besuchern Kommentare, die erfreutes Interesse ausdrücken beim Blick auf die Vergangenheit, aber gleichzeitig hinzufügen, wie verfallen damals doch alles war. Lust auf ein Zurück klingt dabei nicht mit.
Die Ausstellung Häuser und Gesichter. Halle 1983–85 im Kunstmuseum Moritzburg mit Fotografien von Helga Paris ist noch bis zum 20.09.2026 zu sehen, Halle im Umbruch 1987-1989 von Konstanze Göbel im Literaturhaus Halle bis zum 16.08.2026. Im Kabinett des Kunstmuseums Moritzburg werden darüber hinaus bis zum 20.09.2026 fotografische Arbeiten von Reiner Leist mit dem Titel Halle 360° gezeigt. Jeweils mehrere analoge Panoramaaufnahmen des Marktplatzes wurden von ihm so übereinandergelegt und als Silbergelatine Print vergrößert, dass klare Objektgrenzen verschwimmen und sich eine graudiffuse Atmosphäre ergibt. Ein Stadtporträt besonderer Art für Liebhaber fotografischer Experimente.
Bilder verschiedener Themenserien von Helga Paris, die über die Fotografien aus Halle hinausgehen, zeigt im Übrigen das Helga Paris Archiv.