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Hinweise auf Ausstellungen; Rezensionen von Büchern; Interviews mit Fotografierenden, Kunstschaffenden und Medienaktiven; Anmerkungen zur Geschichte und Theorie der Fotografie; Kommentare zur Kultur; Berichte zum Zeitgeschehen und von Reisen.
Inzucht der Bildästhetik
KI-generierte Bilder werden zunehmend mit einem beeindruckenden Authentizitätsgrad präsentiert. Es fällt immer schwerer, sie als Fakes zu erkennen. Entsprechend nervös ist die Fotoszene. Nahezu alles lässt sich am Rechner erzeugen. Warum noch mit einer Kamera auf die Straße oder ins Studio gehen? Prognosen legen nahe, dass es in Zukunft einen nachlassenden Bedarf an professionellen Fotografen und Fotografinnen geben wird. Alle Branchen, die direkt oder indirekt mit der Kameratechnik verbunden sind, geraten unter Druck. Das klingt angesichts der rasanten KI-Entwicklung plausibel. Gleichwohl sind Zweifel erlaubt. Einiges spricht dafür, dass es auch weiterhin ein Bedürfnis nach dokumentarischen Bildern geben wird. Die Spanne reicht von der seriösen Reportage bis zur Überwachungskamera oder der medizinischen Diagnostik. Von den massenhaften Bildchen für die Sozialen Medien ganz zu schweigen, selbst wenn hier zunehmend geschummelt und phantasievoll geschönt wird. Spinnen wir den Gedanken einer Welt ohne Fotografien dennoch einmal weiter. Zwei Folgen wären erkennbar.
Erwartung und Projektion
Reisen ist eine zwiespältige Angelegenheit. Sie verspricht Erweiterung und birgt zugleich die Gefahr der Verengung, eröffnet Horizonte und reproduziert vorhandene Bilder. Wer reist, begibt sich nicht nur in neue geografische Räume, sondern auch in das Spannungsfeld zwischen Erwartung und Erfahrung, zwischen Projektion und Wahrnehmung. Fotografieren kann in diesem Gefüge belanglos bleiben, aber auch zu einem Medium der Erfahrung, Werkzeug der Vergewisserung und Ausdruck der Sichtbarmachung von Weltverhältnissen werden.
Das belichtete Selbst
Das Smartphone ist nicht mehr bloß ein technisches Accessoire, sondern zum quasi-biologischen Sinnesorgan geworden. Wir nehmen die Welt über das kleine Gerät wahr und teilen sie mit eigenen Fotos. Der Akt des Fotografierens hat sich von der Dokumentation privater Momente zu einer Form der öffentlichen Existenzbehauptung gewandelt. Aber warum ist es so wichtig, dass das Draußen erfährt, wie wir das Drinnen, unsere subjektive Sicht, erleben? Eine Antwort führt in die Struktur der spätmodernen Gesellschaft, in der das fotografische Bild zur Währung von Anerkennung und Identität geworden ist. Die Sozialen Medien dienen als Treibmittel.
Irrweg Vollformat
In der Welt der digitalen Fotografie gilt das Vollformat als Nonplusultra. Von den Herstellern als Standard für echte Profis beworben, suggeriert das Marketing, dass man an ihm nicht vorbeikommt. Dabei orientiert sich das Sensorformat mit der Vorsilbe Voll an dem alten 35mm-Film für die Leica aus den 1920er Jahren und allen anderen Kleinbildkameras. Trotz deren Erfolgsgeschichten stellt sich bei genauerem Hinsehen die Frage, ob wir es beim digitalen Vollformat nicht mit einer technologischen Sackgasse zu tun haben. Denn es schleppt einige große und schwergewichtige Nachteile mit sich. Ein längerfristiges Überleben erscheint zweifelhaft. Schlaue Füchse ahnen das.
Das Übel des Perfektionismus
Das 1993 erschienene Buch Art & Fear von David Bayles und Ted Orland ist so etwas wie ein Ratgeber für alle, die sich schwertun, ein begonnenes Gemälde oder Manuskript fertigzustellen, und sich stattdessen mit lähmenden Zweifeln herumplagen. Die Gedanken lassen sich auf jede Kunst übertragen, auch auf die Fotografie. Es geht dabei nicht um Ästhetik oder Technik, sondern um eine Analyse der Hürden, die ein produktives Arbeiten und die Zufriedenheit mit dem eigenen Werk behindern. Bayles und Orland machen sich auf die Suche nach den Gründen und räumen mit Mythen und falschen Vorstellungen auf.
Liebermann, Wilhelm II. und ein Kulturzensurminister
Das Potsdamer Museum Barberini erinnert mit der Ausstellung Avantgarde. Max Liebermann und der Impressionismus in Deutschland an die Kunst um 1900. Kaiser Wilhelm II. war zu jener Zeit nicht gerade bekannt für eine Liebe zum Experimentellen. Vielmehr sah er sich als obersten Schirmherrn einer deutschen Kultur mit klaren Vorstellungen, was Kunst zu leisten habe. Sie solle erziehen, idealisieren und den Glanz der Staatsmacht widerspiegeln. Abweichendes sowie die Darstellung von Elend oder dem einfachen Alltag, wie es einige Secessionisten um Liebermann zeigten, galten nahezu als Verrat. Für Wilhelm II. war es Rinnsteinkunst und im Übrigen Ausdruck mangelnden handwerklichen Könnens. Er forderte angenehme Sujets und Akribie. Impressionistisches entsprach nicht dem Heroischen der klassischen Historienmalerei, ebenso wie Hässliches und vermeintlich Unfertiges mit überdeutlich erkennbaren Pinselstrichen.
Malen nach Fotos
Bereits im 19. Jahrhundert entstanden zahlreiche Gemälde auf der Basis fotografischer Vorlagen. Die Kamera wurde wie ein skizzierendes Auge genutzt und diente als Erinnerungsstütze. Eugène Delacroix fertigte Aktstudien nach Fotografien. Gustave Courbet nahm Reisebilder und übertrug architektonische Details und Kostüme auf die Leinwand. Edgar Degas arbeitete mit Fotografien, um Bilder mit ungewöhnlichen Perspektiven und Bildausschnitten zu schaffen; auch seine Studien von Tänzerinnen waren von Fotografien beeinflusst. In Deutschland war es Franz von Lenbach, der Porträts, etwa von Bismarck, auf der Basis von Fotografien anfertigte, nicht zuletzt, um notwendige Sitzungszeiten zu verkürzen. Im Übrigen malte er seine Bismarck-Porträts in Serie. Auch das erinnert an die Fotografie.
Fotografische Bilder im medialen Strukturwandel
Fotografien sind feste Bestandteile der Medienwirklichkeit. Trotz Videos aller Art behaupten sie ihren Platz in Zeitungen und Zeitschriften, in den digitalen Netzwerken und auf Smartphones. Nicht nur für die schnelle Konsumtion. Indirekt können sie auch zum politischen Willensbildungsprozesse beitragen. Mit Bildern wird Politik gemacht. Das ist keine neue Erkenntnis. Dennoch stellt sich die Frage, ob mit der Digitalisierung der Medienlandschaft eine neue Qualität der Funktion fotografischer Bilder einhergeht.
Das Universum technischer Bilder
Die gegenwärtige künstlerische Fotografie erscheint wie in wachsamer Beobachtungshaltung. Kaum eine andere Kunstform ist derart tief in die Alltagskultur eingesickert und zugleich bemüht, sich von dieser abzusetzen. Fotografische Bilder sind allgegenwärtig. Sie strömen aus Smartphones, sozialen Netzwerken, Überwachungssystemen, Werbedisplays und aus den Netzen künstlicher Intelligenzen. Dennoch oder gerade deshalb insistiert die künstlerische Fotografie darauf, mehr zu sein als nur ein Teil des Bilderrauschens. Sie versteht sich als Reflexionsraum, als ästhetische Denkform, als Ort der Verlangsamung und nicht zuletzt als Teil eines Kunstmarktes, der zwischen Demokratisierung und Elitärem oszilliert.